22 Juni 2024

Der Auftakt der Poetischen Orte: ein Taubenschlag

 

Der Taubenschlag im schönen Propsteigarten

Fünf „Poetische Orte“ hat die Initiative „Kultur am Stift“ in der Sindelfinger Innenstadt initiiert. Künstlerinnen und Künstler haben sich darauf eingelassen, auf einen vergessenen kulturhistorischen Ort künstlerisch zu reagieren. Eine Idee, auf die uns der italienische Schriftsteller und Künstler Tonino Guerra gebracht hatte. Er hatte so formuliert: „Poetische Orte sind sichtbare Gedichte, sind Stätten, an denen sich weitere Dimensionen öffnen. Diese Faszination nennt ein Dichter manchmal magisch.“

Einen allerersten Versuch haben wir mit einem Taubenschlag im Propsteigarten neben der Martinskirche angepackt. Die Erinnerung an die Welt des Chorherrenstifts und des Kloster sollte durch ein „Kolumbarium“, geweckt werden. Denn mit dem Taubenschlag, wie es ihn früher an fast allen Klöstern gegeben hat, manchmal sogar in Kapellen integriert, traf sich das Symbol des Heiligen Geistes und des Friedens mit materiellen Zwecken, bei denen es um den „Taubenbraten“ und die Gewinnung von Taubendünger ging. Manchen der Bauten gab man sogar eine prächtige Architektur.

Am Anfang unserer Thematik stand also noch nicht die künstlerische, sondern die handwerkliche Umsetzung; sagen wir: Das Engagement und die Handwerkskunst des Jürgen Wald. Das Bild zeigt es: Der Propsteigarten wurde so gestalterisch wie kulturhistorisch aufgewertet und motivierte so die Gruppe „Kultur am Stift“, aber auch die Stadtverwaltung, die Idee der „Poetischen Orte“ weiter zu verfolgen.

Jürgen Wald beim Aufbau des Taubenschlags (Fotos: phil)

Webereigeschichte Sindelfingen: Die "wilde Zeit" am Beispiel des Gebäudes Leonberger Straße 2

Mittlerweile ist die eigene Textil- und Webereigeschichte in Sindelfingen wieder ins Blickfeld geraten. Aber um welche Dimensionen es dabei ging, ist doch noch immer nicht ganz ins Bewusstsein gedrungen. Deshalb schauen wir uns unter dem Titel „Die wilde Zeit der Sindelfinger Webereigeschichte“ einmal die Geschichte des Hauses Leonberger Straße 2 an, die zwar noch heute vom Namen Wilhelm Dinkelaker dominiert wird. Aber dem genauen Betrachter flattern alleine als Besitzer und Mieter dieses Hauses die Namen Haid und Spring, Dörr, Graser, Grässle, Schlegel, Wizemann, Knaebel, Kazenwadel und Sandel um die Ohren und Augen. Welche Turbulenz, welche Schicksale tun sich da auf! Und welche Vielfalt der Produkte: Seide, Korsetten, Baumwollwaren wie Piquéstoffe, Tapisseriewaren, Stramine und Nesselwaren. Schauen wir uns das Gebäude also etwas genauer an und bedenken dabei, dass es hier um eines von mehreren Sindelfinger Beispielen geht...

·        1833 Fertigstellung des Gebäudes Leonberger Straße 2 als Cholera-Krankenhaus.

Das Haus von 1832 in seinem Zustand in den 1980er Jahren als Jugendhaus (Ausriss aus der SZBZ von 1988)

·        1835 Haid & Spring, Stuttgarter Seidenwarenfabrikanten mit einem Geschäft in der Königstraße, kaufen das Haus und verlegen ihre Produktion nach Sindelfingen.

·        1840 Conrad Dörr ist hier der Werkmeister; er stammt aus Hanau, einer Stadt mit großer Seidenwebereitradition, ist ausgebildet in der „Seidenhauptstadt“ Krefeld; erste Jacquard-Stühle werden in der Sindelfinger Manufaktur aufgestellt.

·        Um 1850 gibt es eine enorme wirtschaftliche und politische Krise in Württemberg; Steueransätze müssen erniedrigt werden; hohe Auswanderungsrate.

·        1854 Spring steigt aus dem Geschäft aus und produziert in Stuttgart weiter; sein Werkmeister ist Conrad Dörrs Sohn Carl.

·        1858 auch Haid stellt nach manchen wirtschaftlichen „Abwechslungen“ den Betrieb ein; Werkmeister Dörr macht nun in wenigen Räumen alleine weiter.

Anzeige im Böblinger Boten ca. 1858

·        1860 kauft die Stadt das Gebäude an für einige Krankenzimmer und zwei „Irrenlokale“; Conrad Dörr kündigt daraufhin und zieht sich in die Seemühlestraße zurück; sein Sohn Carl Dörr scheitert mit einem Mietvertrag.

·        1862 werden die Zünfte in Württemberg aufgehoben: Es entsteht eine freie Konkurrenzsituation.

·        1862 gibt es neue Vermietungen: der Korsettweber Christoph Graser belegt Räume, auch die Göppinger Korsettfabrik Steinhardt, Herz & Cie mietet sich ein; zwei weitere Säle belegt der aus Horb stammende Piquéwarenfabrikant Fidel Leopold Gräßle.

·        1863 Gräßle „entweicht“ nach Konkurs über Nacht und hinterlässt die gesamte Ausstattung (mit Webstühlen, Kleidung, Geschirr und dänischer Dogge), was alles versteigert wird.

Anzeige im Böblinger Boten 1863

·        1863 Wizemann & Schlegel (Baumwollwaren) aus Stuttgart kaufen nun das für die Stadt „zu große“ Haus um 9500 Gulden; die Krankenzimmer müssen geräumt werden; neben Schlegel sind die Brüder Johannes und Martin Wizemann Besitzer.

·        1865 steigt „Associé“ Johann Knaebel, der aus dem Badischen stammt, ins Geschäft ein, der aber bald wieder aussteigt; auch Schlegel steigt aus und kauft das Gasthaus „Schwanen“ am Rathaus

·        1869 verkauft das Brüderpaar Wizemann das Haus für 12500 Gulden an die Firma Kazenwadel & Sandel Tapisseriewaren; Johannes Wizemann produziert in der Unteren Vorstadt 11 weiter (tituliert als Fabrikant, Kaufmann, Gemeinderat, Vorstand des Gewerbevereins und der Pietistengemeinde).

·        1874 tritt Kazenwadel aus der Firma aus; Sandel macht relativ erfolgreich alleine weiter und erweitert den Gebäudekomplex; zeitweise100 Beschäftigte.

·        1885 Sandel vergrößert weiter (neuer Bahnhof in Böblingen bringt Aufschwung!), übernimmt sich aber und geht in Konkurs; verlässt Sindelfingen.

·        1885 kauft der auch in Frankreich ausgebildete Sindelfinger Wilhelm Dinkelaker um 31500 Gulden alles Verbliebene (u.a. 42 Webstühle) auf, mechanisiert 1888; die Firma entwickelt sich als Jacquard-Weberei zu einem „Spitzenplatz gehobener Weberei“.

·        1910 völlige Mechanisierung und erhebliche Erweiterungen.


Briefkopf der Firma Dinkelaker (der Bau von 1832 steht ganz rechts in der Zeichnung; hinten rechts die Martinskirche; Original im Stadtarchiv)

Belegschaft der Firma Dinkelaker im Jahre 1900 (Stadtarchiv)

·        1959 Nach einer 75jährigen Erfolgsgeschichte: Aufgabe und Abriss aller Fabrikationsgebäude; Übernahme des Geländes durch die Stadt Sindelfingen, die dort eine Realschule errichtet; der älteste Bau bleibt als Stadtverwaltungsgebäude allerdings bestehen, wird zeitweilig Jugendhaus und dann ans Landes-Lehrerseminar vermietet (noch heutige Situation).


23 April 2024

 Genesis Kapitel 1, Vers 1

Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, wie in das Dachgeschoss des schönen Fachwerkhauses in der Stiftsstraße neben den netten floralen Ausmalungen ein Text geraten ist, der uns verblüfft. Wer genau hinschaut, erkennt nämlich hebräische Schriftzeichen, noch gut lesbar erhalten.

florale Ausmalung unterm Dach
(Foto: G. Plott)


Das Haus in der Stiftstraße. Unter dem Dach die
hebräische Schrift. (Foto: Philippscheck)



















Welcher Text hier begonnen wurde, ist sogar angegeben: Es sind die allerersten Worte des Alten Testaments, also „Genesis Kapitel 1 Vers 1“. Wer hat diesen Text in Hebräisch, also der „Urform“ des Alten Testaments, an die Wand geschrieben oder schreiben lassen? War der Raum unter dem Dach eine kleine Studierstube, die man mit Pflanzenmotiven wohnlich gemacht hat?

der hebräische Text - die ersten drei Worte - auf dem Putz; darunter Textteil 
mit den Worten "Wasser" und "Erde" (Foto: G. Plott)
zum Vergleich: ein gedruckter Text (von rechts nach links zu lesen; Wikipedia)

Wir können nur vermuten. Das Haus wurde 1681 an Stelle eines ehemaligen Chorherrenhauses neu erbaut und 1692 an die Stadt Sindelfingen verkauft, die es als Lateinschule nutzen wollte. Aber schon wenige Jahre später hat es der damalige Sindelfinger Pfarrer Matthäus Roschitz erworben, dessen Epitaph aus dem Jahr 1700 sich an der inneren Nordwand der Martinskirche erhalten hat. Er hat sich bei seinem Theologiestudium - wahrscheinlich in Tübingen - natürlich mit der hebräischen Sprache beschäftigen müssen, weil sie neben Altgriechisch und Latein zur Sprache des frühen Christentums gehört. Denn das entstand in einem Umfeld, in dem – so hieß es - das Hebräische als gehobene Sprache der Synagoge und des Tempels, das Griechische als internationale Gelehrtensprache und das Lateinische als Verwaltungssprache der Römer verwendet wurden.

Luther befand die Hebräische Sprache als „die allerbeste und reichste in Worten, rein, heilig“ und unerlässlich für die Schriftauslegung. Denn Gott habe das Alte Testament in Hebräisch, das Neue auf Griechisch verfasst. (Diese seine Einschätzung bedeutete nicht, dass Luther das Judentum wertschätzte. Er hielt die jüdische Auslegung der alttestamenta-rischen Schöpfungsgeschichte für völlig falsch und versuchte vehement, sie zu widerlegen.)

Großen Einfluss auf die Anerkennung des Hebräischen im deutschen Kulturkreis hatte zuvor schon das schwäbische Genie Johannes Reuchlin, der als Humanist, Philosoph, Jurist und Diplomat engen Kontakt zur italienischen Renaissance-Welt in Florenz und Rom hielt. Beeinflusst war er zum Beispiel vom berühmten Pico delle Mirandola, der sehr mutig für eine Vereinigung von Griechentum, Judentum und Christentum plädierte. Reuchlin warb intensiv dafür, das jüdische Schrifttum ernst zu nehmen und es vor der Inquisition zu verteidigen. Unterstützt wurde er dabei von seinem Mentor Johannes Vergenhans, den ehemaligen Sindelfinger Chorherrn. Das Motto der Humanisten hieß dabei „ad fontes“, zurück zu den Quellen des Wissens, zum Beispiel zum hebräischen Alten Testament.

Reuchlin-Münze zum 400. Todestag 1922
von Ernst Barlach (Wikipedia)

Ausschnitt aus der Seite eines Talmud-Textes; eines der vielen hebräischen Originaldokumente,       die Reuchlin gesammelt hatte (Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Reuchlin 2)

Reuchlin konnte 1521 in Tübingen für eine Lehrtätigkeit in Griechisch und Hebräisch angeworben werden, bestellte dazu 100 hebräische Bibeln aus Venedig und rief begeistert aus: „Die Wahrheit wird ausgehen von diesem Lande!“. Die Studenten strömten nach Tübingen, aber Reuchlin starb schon nach kurzer Lehrtätigkeit in Liebenzell, wurde in der Stuttgarter Leonhardskirche begraben. Trotz dieser Situation blieb das Hebräische in einem Auf und Ab seit dieser Zeit Teil der Tübinger Theologenausbildung. Gehört unser Sindelfinger Text in diesen Zusammenhang?


Auf alle Fälle wissen wir: Unser kleiner Text an der Wand eines eindrucksvollen historischen Sindelfinger Hauses ist zwar ein winziger Mosaikstein im großen Bild der allgemeinen kulturhistorischen Entwicklung, aber trotzdem aussagekräftig und Anlass, über komplexe Aspekte der europäischen Geistesgeschichte nachzudenken.


20 April 2024

 Das Zunftzeichen „Brauerstern“

Ein trauriges Kapitel beim Thema Altstadt. Zwar soll sie weiter entwickelt und so für Bewohner und Besucher attraktiver werden – aber dann gibt es Entscheidungen der Stadtverwaltung, die dieses Ziel konterkarieren. Ein solches Beispiel gibt es in der nördlichen Altstadt, die Lange Straße 29 betreffend. Hier hätte ein Haus saniert werden können, das als eher französisch/klassizistisch um 1805 einen neuen Stil in die alte Stadt gebracht hat. An der Langen Straße gelegen, also der alten Sindelfinger „Hauptstraße“, gleich hinter dem Oberen Tor, das noch stand, als dieses Haus gebaut wurde.


Das Haus Lange Straße 29, historische
Aufnahme (Stadtarchiv)
Abriss des Hauses 2024 (Foto: phil)










Wir wollen dazu eine Besonderheit erwähnen, die, wäre sie durch eine Sanierung gerettet worden, einen interessanten Zwischenstopp bei Stadtführungen ergeben hätte.

Alte Sindelfinger kennen das Haus noch als Bäckerei und als Gastwirtschaft „Bürgerstüble“, ein einfaches Lokal, in dem auch selbst gebrannter Schnaps ausgeschenkt wurde. Wie hieß es: Da hätten die Weltverbesserer diskutiert. Der Wirt hat auch Geld verliehen, wird auch erzählt. Und eine weitere Besonderheit waren  - allerdings weit vor dem Krieg – die Fensterscheiben mit ihrer Gravur: Das Zunftzeichen der Brauer und Brenner, der eigenwillige „Brauerstern“, ergänzt mit Obst - zum Brennen -  und Lorbeerverzierung. Ein mögliches Problem im Dritten Reich: Der „Brauerstern“ ist genauso aufgebaut wie der jüdische Davidsstern, zwei ineinander geschachtelte Dreiecke, die je symbolische Bedeutungen haben.


Zwei von vier geretteten Fensterflügeln des "Bräustübles" im 
Stadtmuseum (Foto: phil, mit Dank ans Museum)
"Brauerstern": Eine Theorie
geht davon aus, dass der Brauerstern
einmal die für das Brauen wichtigen
drei Elemente (Feuer, Wasser und
Luft) symbolisiert und zum anderen
die im Mittelalter bekannten Zutaten
(Wasser, Malz und Hopfen) bezeichnet
 (die Hefe als Brauzusatz fehlte damals
noch), so dass sich insgesamt
die sechs Zacken des Brauersterns
damit erklären.
(wikipedia) 

Es bleibt zu vermuten, dass die Fenster in der Zeit des Dritten Reichs ausgebaut, dabei aber nicht zerstört, sondern in einer nahe gelegenen Scheuer gelagert wurden. Da sind sie vor wenigen Jahren wieder entdeckt worden und harren jetzt im Stadtmuseum wieder einer Zukunft im Sonnenlicht. In ihrem sanierten Haus hätten sie - wieder eingebaut - etwas über Sindelfinger Geschichte erzählen können. Jetzt bleiben sie zwar interessante, aber isolierte Museumsstücke.

 

30 März 2024

Magische Welten

Kümmern wir uns heute noch einmal um die magischen Welten in der alten Stadt. Man kann davon ausgehen, dass man früher beim Gang durch die Altstädte an den Häusern eine Vielzahl von Malereien, Schnitzereien und steinernen Formen gesehen hat, die Symbole für Wünsche, Hoffnungen, Beschwörungen waren. Böse Kräfte sollten so gebannt werden.

In Sindelfingen sind fast alle solcher Zeichen sind verschwunden: Der Verputz, den viele Häuser erhalten haben, hat damit natürlich zu tun; der Wert der alten, intensiv bewohnten Fachwerkhäuser war gesunken; dadurch verloren ihre ästhetischen Dimensionen stark an Bedeutung, die Schönheit eines Hauses war kein bedeutsames Kriterium mehr; und schließlich wurden auch - vor allem dann im 19. Jahrhundert - ganz offiziell rationalere Sichtweisen von der Bevölkerung erwartet: eine Folge der Aufklärung.

Funktionale und rationalere Bauweisen vor allem der Nachkriegszeit aber verzichteten ganz auf zusätzliche Gestaltungsmomente, ob bei privaten oder öffentlichen Bauträgern. Es dauerte eine ganze Weile, bis dies als Verlust erlebt wurde und die Sanierung alter Häuser nicht mehr als nutzlose Geldausgabe verstanden wurde. Trotzdem: Fassaden mit ganz persönlichen Äußerungen zu schmücken, ist äußerst selten geworden, wahrscheinlich, weil man sich nicht mehr sicher ist, ob Betrachter dies als positiv empfinden.

Es ist ein neuer Entwicklungsprozess, zu erkennen, dass Architektur nicht nur aus Stein, Holz und Beton besteht, sondern auch aus Träumen, Mythen und Geheimnissen. Schauen wir uns dazu die Sindelfinger Beispiele an, die heute als Kleindenkmäler gewertet werden.


Das wunderbar sanierte Haus Lange Straße
25 mit seinem Restaurant "Drei Mohren". 
Der "Wilde Mann"  ist ganz oben im
spitzen Giebel zu finden. Dass er kaum
zu sehen ist, stört nicht seine
Schutzfunktion. (Foto: phil)

Der "Wilde Mann" setzt seine Kräfte 
zum Schutz für Haus und Hof ein.
Hier sehen wir ihn, als er bei der
Sanierung des Hauses nach
langer Dunkelheit wieder das
Tageslicht erblicken kann. (Foto: phil)
Zwei wunderbare Stücke vom ehemaligen Haus Lange Straße 44, 
das im Krieg leider zerstört wurde. Das Haus wurde 1698 vom
Büchsenmacher und Waffenschmied Johann David Renner gebaut. 
Die zwei Hauspfosten wurden aus der Ruine gerettet und
stehen im Stadtmuseum. Der linke Pfosten zeigt die damals
sehr beliebte mythische Figur der Melusine, einer Nixe. (Foto: phil)

Das im Krieg zerstörte Haus Lange
Straße 44. Die Pfosten saßen im
ersten Stock. (Foto: Stadtarchiv)


Titelseite einer Ausgabe der
Melusine-Sage vom aus
Sindelfingen stammenden
Pfarrer Ottmar Schönhuth.
(Buch im Privatbesitz.)
Aus der Eckkonstruktion des Hauses Untere Burggasse 3
schaut ein sogenannter Neidkopf herunter. Er will dem
herandrängenden bösen Mächten sagen: "Das Haus ist
besetzt, zieht weiter, woanders hin." (Foto: phil)


18 März 2024

 Eine ganz spezielle Sonnenuhr

an der Südseite des Turms der Martinskirche (Collage: phil)

An der Südseite einiger sehr alter Kirchen findet man selten noch eine seltsame, kleine Sonnenuhr: ein Halbkreis, durch drei (manchmal mehr) Linien unterteilt. Ihre sehr regelmäßige Form, die nicht dem jeweiligen Standort angepasst ist und also keine „Uhrzeit“ ablesen lässt, verweist auf einen symbolischen Charakter: Es dreht sich um eine „Kanonische Sonnenuhr“. Und solch eine besitzen wir tatsächlich auch in Sindelfingen – an der Südseite des mächtigen Kirchturms der Martinskirche. Man muss aber sehr genau hinschauen.

Was ist nun die Funktion einer „Kanonischen Sonnenuhr“ gewesen?

Sie gehört in ein klösterliches Umfeld und verweist auf die klösterliche Zeitordnung. Diese geht auf die Regeln des Klosters auf dem Monte Cassino in Italien zurück, die Benedikt von Nursia um das Jahr 540 nach Christus aufgestellt hat und die zu einer allgemeinen Regel wurde. Sieben über Tag und Nacht verteilte Gebete der Mönche sollten an die Passion Christi erinnern. Die Kanonische Sonnenuhr setzt bei Sonnenaufgang oder etwas später ein: Da war die PRIM zu beten, bei Sonnen-untergang verweist die Sonnenuhr auf die VESPER. Die drei dazwischen verbleibenden Gebete werden in Dreistundenabständen, genannt hora tertia, hora sexta und hora nona, angezeigt. Die Sonnenuhr verweist also logischerweise auf die fünf Tagesgebete.

die Sindelfinger Sonnenuhr (Foto: phil)


Kanonische Sonnenuhr, 4er-Teilung, Reutte/Tirol (Foto:
Wikipedia, K.Schwarzinger)

Diese Pflichten nie zu vergessen ermahnt also unsere symbolische Sonnenuhr. Verstärkt wurde dieser Hinweis durch einen kleinen Stab, der mit seinem wandernden Schatten an die vergehende Zeit erinnert. (Deshalb die Lage an der Südseite der Klosterkirche.) Das kleine Loch für den Stab ist an der Sindelfinger Turmwand noch zu sehen; dass die kleine Sonnenuhr dort fast 500 Jahre – also seit der Auflösung des Klosters - ohne Funktion überlebt hat, ist ein kleines Wunder. Eigentlich ist sie wohl so alt wie der Turm, also 900 Jahre, und es ist angemessen, beim Vorübergehen einen Blick auf sie zu werfen.

01 März 2024

Die borromäischen Ringe in Sindelfingen

Die Villa Wittmann ist das einzige Gebäude in Sindelfingen, das eine großbürgerliche Struktur aufweist. Dazu passt es, dass der kulturelle Anspruch der Familie Wittmann an ihrer Hausfassade auch gezeigt wird – so wie man das traditionell von Gebäuden stolzer Kaufmannsfamilien kennt. Wir erkennen dies an der großen Kartusche auf der Fassade zur Bachstraße hin.

die borromäischen Ringe an der Villa Wittmann (Foto: phil)

Die Ringe (Wikipedia)
Heute betrachten wir einen Gestaltungsaspekt näher. Der zeigt uns oben auf der Kartusche drei ineinander verschlungene Ringe, die man leicht übersieht. Es geht dabei aber um die drei berühmten borromäischen Ringe - eine uralte Symbolform, die aus drei Ringen besteht, die so ineinandergreifen, dass sie sich durch keinerlei Versuch voneinander trennen lassen. Durchtrennt man aber einen der Ringe gewaltsam, so fallen die beiden anderen immer auseinander. Wegen dieser eigenwilligen Eigenschaft wurden diese Ringe zum Symbol der besonderen Stärke, die in der Einheit liegt und zur Illustration dessen, was passiert, wenn ein Glied aus einer engen Vereinigung entfernt wird. Eine Mahnung an die Mitglieder einer Familie oder einer Vereinigung.

das Wappen der Familie Borromeo,
Ringe oben rechts 
(aus: "Pinterest")
Die Ringe sind nach der italienischen Adelsfamilie Borromeo benannt, deren heutiger Besitz unter anderem die drei borromäischen Inseln im Lage Maggiore umfasst und die die drei Ringe in ihrem Wappen führt.

unsere "borromäische Villa" in Sindelfingen
(Zeichnung: Philippscheck)

Die Ringe haben wegen ihrer Eigenschaft auch Wissenschaftler fasziniert, besonders die Mathematiker. Psychologen sehen in ihnen das Imaginäre, das Symbolische und das Reale. Und wir freuen uns, dass uns eine künstlerische Ergänzung der Fassade der Villa Wittmann in solche kulturhisto-rischen Dimensionen führt.

23 Februar 2024

Architektur-Ensemble Stumpengasse 1

Kümmern wir uns noch einmal um das Thema "Bürgermeister Gußmann". Gußmann besaß in der Stumpengasse 1 einen der größten Hauskomplexe in der Stadt und dazu erheblichen Landbesitz. Der Plan unten zeigt die für Sindelfingen außergewöhnliche Struktur, die wir sonst in größeren, reicheren Städten kennen: Der repräsentative Teil des Komplexes zur Hauptstraße hin (hier: zur Langen Straße, der ehemaligen Hauptstraße); dann dahinter ein Hof mit Garten, weitere Wohngebäude nach hinten, bei Gußmann auch mit einer Galerie verziert. Und im Hintergrund Remise und Scheuer, durch die hindurch eine abgelegenere Parallelstraße zu erreichen ist - meistens die Situation reicher Kaufleute.

Der Innenhof von Stumpengasse 1 in den 60er Jahren: Links der Bau zur Langen Gasse hin, die Galerie führt nach rechts zum hinteren Komplex, der zur Turmgassse reicht. (Abb.: Stadtarchiv)

Plan von 1830 mit der Lage von
Stumpengasse 1


Dass ein solcher malerischer und einzigartiger Komplex noch in den 1970er Jahren abgerissen worden ist, kann nur als tragisch bezeichnet werden. Ein solches saniertes Ensemble wäre heutzutage der Höhepunkt jeder Stadtführung. 

In seinem Wohnhaus ließ Gußmann sich eine aufwendige Rokokostube einbauen, mit in Blautönen gehaltenen üppigen, von derb bis amourös reichenden Darstellungen auf der Holzvertäfelung - also eine typisch bürgerliche Rokoko-Struktur. Ihre Farbigkeit erinnert stark an Delfter Fliesentableaus, die damals in vielen Schlössern und Villen zu finden waren. Den Künstler hat Gußmann möglicherweise am Ludwigsburger Hof gefunden, wo er lange Jahre als Proviantmeister fürs Militär gearbeitet hatte. 

Im ehemaligen "Museum für Volkskultur" in Waldenbuch war der Salon bis 2012 aufgebaut. (Foto: phil)
Im damaligen Landstädtchen Sindelfingen, tief pietistisch geprägt, war dieser Salon ein prunkvolles, aber fremdartiges Unterfangen. Immerhin hatte die Stube die Größe von etwa 5 x 5,5 Meter, über die sich eine Holz-Kassettendecke spannte. Denkbar ist, dass der kleine Hausvorbau, den man gut erkennen kann, eigens für die Einrichtung eines solchen Salons im ersten Stock errichtet worden ist.

Die Bedeutung einer solchen seltenen bürgerlichen Rokoko-Stube ist  durchaus überregional - und es ist ein kleines Wunder, dass diese Stube alle Gefährdungen der letzten 250 Jahre überstanden hat. Wir hoffen auf eine Lösung, die dieses Kunstwerk wieder öffentlich zugänglich macht.

Porträt Bürgermeister Gußmann
(im Besitz des Stadtmuseums)



21 Februar 2024

 Der Sinnsucher an der Stadtmauer: Toleranz

Erinnerung an den ersten Poetischen Ort Sindelfingens

Ausschnitt aus Klaus Kuglers Gemälde für die Stadtmauer 1

Ihr wisst, bald sehen wir die Abendsterne,

Und manche Seele fühlt sich fast entrückt.

Die Blicke schweifen in die Himmelsferne,

ersehnen sich von dort ein Tor ins Glück.


Es prägen viele Zweifel uns´re Zeiten,

so hört der Mensch nicht auf zu fragen,

ob denn in diesen ungeheuren Weiten

allein der Zufall sollt´ den Kosmos tragen.


Die Philosophen zweifeln oft daran,

die Theologen schütteln sich vor Graus;

doch Wissenschaft zieht ihr Gesetz heran

und rechnet kühl Wahrscheinlichkeiten aus.


Ihr seht: In dieser ernsten Menschheitsfrage

ist drei Jahrhunderte die Weltgespalten.

Ein jeder spürt´s beim Blick auf diese Lage

und ist zu eignen Meinungen gehalten.


Und ich steh´ heute Abend hier am Platz,

und sprech´ zu euch von Suche nach dem Sinn,

die nötig ist zur Antwort auf den Satz:

Es geht um jene Toleranz, die uns erfüllt


beim Treffen naher, aber fremder Welten,

und im Versuch, die Mauern zu durchschreiten, 

die aufgetürmt als Hindernis zwar gelten,

einmal zerbrochen aber uns´re Blicke weiten.


Im Bild des Künstlers bröckeln still die Mauern,

und geben solche neuen Blicke frei. 

Vielleicht schwingt mit ein sanfter Hauch Bedauern,

dass manches Bunte fehlt uns heut´ dabei.

Ausschnitt aus Klaus Kuglers Gemälde für die Stadtmauer 2

Moritat, gehalten bei der Biennale 2017, als die Poetischen Orte noch einmal vorgestellt worden sind. Das Originalgemälde von Klaus Kugler gehört mittlerweile der Städtischen Galerie Sindelfingen.

 



 

17 Februar 2024

Sindelfinger Kleindenkmale:

Metallschild der „Phönix“-Feuerversicherung

das Erdgeschoss des Storchenhauses (Foto: phil)

Früher hing an einem der großen Fensterläden im Erdgeschoss des Storchenhauses ein kleines Schild. Es war leider mit der Farbe der Läden übermalt worden und also schlecht zu erkennen. Das war deshalb schade, weil das kleine Schild ein Kleindenkmal ist: Es zeigte an, dass dieses Haus feuerversichert gewesen ist, und zwar bei der „Londoner Phönix“, einer berühmten englischen Versicherung, die schon 1782 gegründet worden war. Die Bedeutung der Feuerversicherung war natürlich riesig, weil die Feuergefahr in früheren Zeiten enorm war:   Man denke etwa an die verheerenden Brände in London oder Hamburg, in anderem Maßstab natürlich auch bei uns. Aber es dauerte trotzdem, bis sich das Versicherungsprinzip der Gegenseitigkeit allgemein durchsetzen konnte.

Das Feuerversicherungsschild am Fensterladen (Foto: phil)

Sah das Schild einst so aus? (Abb.: Wikipedia) 

„Phönix“ war eine privatrechtliche Versicherung, die nicht ein Haus selbst, sondern vor allem das Inventar versicherte. Diese „Erfindung“ der Phönix war noch Anfang des 19. Jahrhunderts außergewöhnlich, weil zum Beispiel die württembergische Zwangs-Feuerversicherung durch die herzogliche „Brand-Schadens-Versicherungs-Anstalt“, die es seit 1773 gab, keinen Hausrat mitversicherte und auch keine Elementarschäden abdeckte. So hatte sich die „Phönix“ in deutschen Landen eine Monopolstellung erobert, die ihr hohe Beiträge und Gewinne ermöglichte.

Originaler Versicherungsschein der "Phönix" (Privatbesitz)




Das forderte deutsche Kaufleute heraus und 1820 wurde zum Beispiel mit der „Gothaer“ eine erfolgreiche deutsche „Feuerversicherungs-Bank“ für den Handelsstand gegründet. Dass die englische „Phönix“ aber noch immer im Spiel blieb, sehen wir am erwähnten Schild. Solche Schilder waren in Württemberg ab 1830 sogar Pflicht: „Jeder Eigentümer, der sein bewegliches Vermögen versichert hat, hat das Schild an seinem Gebäude auf eine für Jedermann sichtbare Weise anzuheften". Ein Grund dafür war unter anderem, dass dadurch Doppelversicherungen ausgeschlossen wurden, die Anreize zur Brandstiftung gaben. Aber auch der Werbeeffekt war nicht zu unterschätzen.


Versicherungsordnung Herzogtum
Württemberg von 1773 (Google books)

Nachdem sie die Genehmigung erhielten, auch Mobiliarversicherungen abzuschließen, schafften sich später auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten solche Feuerversicherungsschilder an.

Schade ist es in unserem Sindelfinger Fall, dass das Schild, das auf solche historischen Aspekte hinweisen kann, also ein Denkmal ist, wohl zur Sanierung abgenommen worden ist, die Hausverwaltung sich aber nicht darum gekümmert hat, dass es wieder angebracht wird. Das ist sehr schade, weil Sindelfingen nicht reich an Kleindenkmalen ist, die oft auf besonders interessante Alltagsstrukturen hinweisen.

Zusatz. Kulturhistorisch interessant ist folgende historische Einschätzung: In katholischen Ländern wurde bei Brandschäden zu Spenden aufgerufen, auch die Kirche schoss eine Summe zu. In calvinistisch geprägten Ländern wurde die Feuerversicherung dagegen als Initiative verstanden, bei der der positive Zweck mit gutem privaten Gewinn verbunden ist. Die lutherischen Gebiete dagegen schafften öffentlich-rechtliche Strukturen auf Gegenseitigkeit (siehe Württemberg).


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