23 Februar 2024

Architektur-Ensemble Stumpengasse 1

Kümmern wir uns noch einmal um das Thema "Bürgermeister Gußmann". Gußmann besaß in der Stumpengasse 1 einen der größten Hauskomplexe in der Stadt und dazu erheblichen Landbesitz. Der Plan unten zeigt die für Sindelfingen außergewöhnliche Struktur, die wir sonst in größeren, reicheren Städten kennen: Der repräsentative Teil des Komplexes zur Hauptstraße hin (hier: zur Langen Straße, der ehemaligen Hauptstraße); dann dahinter ein Hof mit Garten, weitere Wohngebäude nach hinten, bei Gußmann auch mit einer Galerie verziert. Und im Hintergrund Remise und Scheuer, durch die hindurch eine abgelegenere Parallelstraße zu erreichen ist - meistens die Situation reicher Kaufleute.

Der Innenhof von Stumpengasse 1 in den 60er Jahren: Links der Bau zur Langen Gasse hin, die Galerie führt nach rechts zum hinteren Komplex, der zur Turmgassse reicht. (Abb.: Stadtarchiv)

Plan von 1830 mit der Lage von
Stumpengasse 1


Dass ein solcher malerischer und einzigartiger Komplex noch in den 1970er Jahren abgerissen worden ist, kann nur als tragisch bezeichnet werden. Ein solches saniertes Ensemble wäre heutzutage der Höhepunkt jeder Stadtführung. 

In seinem Wohnhaus ließ Gußmann sich eine aufwendige Rokokostube einbauen, mit in Blautönen gehaltenen üppigen, von derb bis amourös reichenden Darstellungen auf der Holzvertäfelung - also eine typisch bürgerliche Rokoko-Struktur. Ihre Farbigkeit erinnert stark an Delfter Fliesentableaus, die damals in vielen Schlössern und Villen zu finden waren. Den Künstler hat Gußmann möglicherweise am Ludwigsburger Hof gefunden, wo er lange Jahre als Proviantmeister fürs Militär gearbeitet hatte. 

Im ehemaligen "Museum für Volkskultur" in Waldenbuch war der Salon bis 2012 aufgebaut. (Foto: phil)
Im damaligen Landstädtchen Sindelfingen, tief pietistisch geprägt, war dieser Salon ein prunkvolles, aber fremdartiges Unterfangen. Immerhin hatte die Stube die Größe von etwa 5 x 5,5 Meter, über die sich eine Holz-Kassettendecke spannte. Denkbar ist, dass der kleine Hausvorbau, den man gut erkennen kann, eigens für die Einrichtung eines solchen Salons im ersten Stock errichtet worden ist.

Die Bedeutung einer solchen seltenen bürgerlichen Rokoko-Stube ist  durchaus überregional - und es ist ein kleines Wunder, dass diese Stube alle Gefährdungen der letzten 250 Jahre überstanden hat. Wir hoffen auf eine Lösung, die dieses Kunstwerk wieder öffentlich zugänglich macht.

Porträt Bürgermeister Gußmann
(im Besitz des Stadtmuseums)



21 Februar 2024

 Der Sinnsucher an der Stadtmauer: Toleranz

Erinnerung an den ersten Poetischen Ort Sindelfingens

Ausschnitt aus Klaus Kuglers Gemälde für die Stadtmauer 1

Ihr wisst, bald sehen wir die Abendsterne,

Und manche Seele fühlt sich fast entrückt.

Die Blicke schweifen in die Himmelsferne,

ersehnen sich von dort ein Tor ins Glück.


Es prägen viele Zweifel uns´re Zeiten,

so hört der Mensch nicht auf zu fragen,

ob denn in diesen ungeheuren Weiten

allein der Zufall sollt´ den Kosmos tragen.


Die Philosophen zweifeln oft daran,

die Theologen schütteln sich vor Graus;

doch Wissenschaft zieht ihr Gesetz heran

und rechnet kühl Wahrscheinlichkeiten aus.


Ihr seht: In dieser ernsten Menschheitsfrage

ist drei Jahrhunderte die Weltgespalten.

Ein jeder spürt´s beim Blick auf diese Lage

und ist zu eignen Meinungen gehalten.


Und ich steh´ heute Abend hier am Platz,

und sprech´ zu euch von Suche nach dem Sinn,

die nötig ist zur Antwort auf den Satz:

Es geht um jene Toleranz, die uns erfüllt


beim Treffen naher, aber fremder Welten,

und im Versuch, die Mauern zu durchschreiten, 

die aufgetürmt als Hindernis zwar gelten,

einmal zerbrochen aber uns´re Blicke weiten.


Im Bild des Künstlers bröckeln still die Mauern,

und geben solche neuen Blicke frei. 

Vielleicht schwingt mit ein sanfter Hauch Bedauern,

dass manches Bunte fehlt uns heut´ dabei.

Ausschnitt aus Klaus Kuglers Gemälde für die Stadtmauer 2

Moritat, gehalten bei der Biennale 2017, als die Poetischen Orte noch einmal vorgestellt worden sind. Das Originalgemälde von Klaus Kugler gehört mittlerweile der Städtischen Galerie Sindelfingen.

 



 

17 Februar 2024

Sindelfinger Kleindenkmale:

Metallschild der „Phönix“-Feuerversicherung

das Erdgeschoss des Storchenhauses (Foto: phil)

Früher hing an einem der großen Fensterläden im Erdgeschoss des Storchenhauses ein kleines Schild. Es war leider mit der Farbe der Läden übermalt worden und also schlecht zu erkennen. Das war deshalb schade, weil das kleine Schild ein Kleindenkmal ist: Es zeigte an, dass dieses Haus feuerversichert gewesen ist, und zwar bei der „Londoner Phönix“, einer berühmten englischen Versicherung, die schon 1782 gegründet worden war. Die Bedeutung der Feuerversicherung war natürlich riesig, weil die Feuergefahr in früheren Zeiten enorm war:   Man denke etwa an die verheerenden Brände in London oder Hamburg, in anderem Maßstab natürlich auch bei uns. Aber es dauerte trotzdem, bis sich das Versicherungsprinzip der Gegenseitigkeit allgemein durchsetzen konnte.

Das Feuerversicherungsschild am Fensterladen (Foto: phil)

Sah das Schild einst so aus? (Abb.: Wikipedia) 

„Phönix“ war eine privatrechtliche Versicherung, die nicht ein Haus selbst, sondern vor allem das Inventar versicherte. Diese „Erfindung“ der Phönix war noch Anfang des 19. Jahrhunderts außergewöhnlich, weil zum Beispiel die württembergische Zwangs-Feuerversicherung durch die herzogliche „Brand-Schadens-Versicherungs-Anstalt“, die es seit 1773 gab, keinen Hausrat mitversicherte und auch keine Elementarschäden abdeckte. So hatte sich die „Phönix“ in deutschen Landen eine Monopolstellung erobert, die ihr hohe Beiträge und Gewinne ermöglichte.

Originaler Versicherungsschein der "Phönix" (Privatbesitz)




Das forderte deutsche Kaufleute heraus und 1820 wurde zum Beispiel mit der „Gothaer“ eine erfolgreiche deutsche „Feuerversicherungs-Bank“ für den Handelsstand gegründet. Dass die englische „Phönix“ aber noch immer im Spiel blieb, sehen wir am erwähnten Schild. Solche Schilder waren in Württemberg ab 1830 sogar Pflicht: „Jeder Eigentümer, der sein bewegliches Vermögen versichert hat, hat das Schild an seinem Gebäude auf eine für Jedermann sichtbare Weise anzuheften". Ein Grund dafür war unter anderem, dass dadurch Doppelversicherungen ausgeschlossen wurden, die Anreize zur Brandstiftung gaben. Aber auch der Werbeeffekt war nicht zu unterschätzen.


Versicherungsordnung Herzogtum
Württemberg von 1773 (Google books)

Nachdem sie die Genehmigung erhielten, auch Mobiliarversicherungen abzuschließen, schafften sich später auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten solche Feuerversicherungsschilder an.

Schade ist es in unserem Sindelfinger Fall, dass das Schild, das auf solche historischen Aspekte hinweisen kann, also ein Denkmal ist, wohl zur Sanierung abgenommen worden ist, die Hausverwaltung sich aber nicht darum gekümmert hat, dass es wieder angebracht wird. Das ist sehr schade, weil Sindelfingen nicht reich an Kleindenkmalen ist, die oft auf besonders interessante Alltagsstrukturen hinweisen.

Zusatz. Kulturhistorisch interessant ist folgende historische Einschätzung: In katholischen Ländern wurde bei Brandschäden zu Spenden aufgerufen, auch die Kirche schoss eine Summe zu. In calvinistisch geprägten Ländern wurde die Feuerversicherung dagegen als Initiative verstanden, bei der der positive Zweck mit gutem privaten Gewinn verbunden ist. Die lutherischen Gebiete dagegen schafften öffentlich-rechtliche Strukturen auf Gegenseitigkeit (siehe Württemberg).


13 Februar 2024

Gespräch am Marktbrunnen

Eine Szene von „Kultur am Stift“ mit 3 Personen:                                       Prof. Zeitler, der Künstler                                                              eine Fragenstellerin                                                                    eine Anthroposophin

 

Grüß Gott. Herr Zeitler, sagen Sie uns hier doch bitte…

Herr Professor Zeitler bitte!

Professor Zeitler (Bild Stadtarchiv)

Gut, so sei es dann. Herr Professor, sagen Sie uns also bitte hier etwas zu Ihrer Gestaltungsidee, diesen Brunnen betreffend. Sie hatten sich ja zu diesem Gespräch bereit erklärt.

Ja, nun gut. Gut. Aber bitte, wer ist die Dame hier?

Grüß Gott! Also, das ist so: Ich war immer schon überrascht und auch erfreut über diese vier Köpfe hier oben und würde gerne die Gelegenheit nutzen, um Sie…

Halt! Nein, erst ich. Die erste Frage natürlich zu ihren beiden Schwätzweibern hier oben. Wie kamen Sie denn zu…

Also erst einmal und zum wiederholten Male, meine Dame! Ich mag diese Begrifflichkeit nicht. Schwätzweiber! Das ist wirklich Geschwätz. Es geht um mehr, es geht um Tieferes - wenn auch im, nun ja, profanen Kontext des Marktes, der hier stattfindet.

Profan sagen Sie?

Streiten wir nicht um Worte! Sagen wir… volkstümlich…

Gut. Der Markt hat doch schließlich eine sehr große Bedeutung. Nicht nur, um einzukaufen. Er hat eine geradezu soziale Funktion für die kleine Stadt.

Ja eben, eben. Darum geht´s. Das wollte ich ja auch thematisieren mit meiner künstlerischen Arbeit. Deswegen habe ich sie „Das Geheimnis“ genannt.  „Das Geheimnis“. Verstehen Sie? Das ist mehr, das ist – tiefer. Psychologischer. Nicht einfach nur platt humoristisch!

Ja, ich verstehe, gut. Ich will aber - verzeihen Sie - auch kritisch fragen: Ist nicht die etwas grobe Form der Figuren schuld daran, dass die Sindelfinger einen solchen Namen…

Hören Sie auf! Schauen Sie sich doch meine Werke an! In Stuttgart am Eberhardsbau, am Kunstgebäude von Theodor Fischer, der viel geliebte Hans-im-Glück-Brunnen. Und unendlich viele andere. Alles anerkannte Meisterwerke! 

Ja, gut, und? Was hat das mit…

Wer hat das hier denn hergestellt? Bitte? Der Sindelfinger Gemeinderat wollte ja nichts zahlen! Etwas Künstlerisches, ja, ja! Aber es soll nichts kosten! Da hatte dann der Sindelfinger – wie soll ich ihn nennen? – Steinhauer oder meinetwegen Steinbildhauer, also der Schäfer seine Finger im Spiel. Der kann doch nur grobe Formen! So sieht´s hier dann eben aus, wenn man sparen will.

Also, das sehen wir Sindelfinger aber etwas anders. Denn unser Schäfer, der…

Aber bitte! Bitte! Wir haben wenig Zeit. Lassen Sie mich doch jetzt endlich noch etwas zu den vier Köpfen fragen. Auch die Buchstaben darunter zeigen es ja, Professor Zeitler: Sie haben hier die vier menschlichen Temperamente thematisiert.

 Ja, ganz richtig. Das hat mit... Übrigens - diese Köpfe hat Ihr Bürgermeister in einem Brief „Charakterfratzen“ genannt. „Fratzen“! Sindelfingen!

Brief von Zeitler an den Bürgermeister Hörmann, 1927. Der Brief kam aus Lugano. (Stadtarchiv)

Also, was mich da interessiert ist nun…

Das hat natürlich mit dem Thema Menschen auf dem Markt zu tun. Verstehen Sie? Ich als Künstler verstehe meine Arbeit doch tiefer, grundsätzlicher. Ich hatte den Sindelfingern auch einen „Brunnen der Tugenden“ vorgeschlagen; den wollten sie ja nicht. Einen „Brunnen der fünf Sinne“ -  auch nicht! Merken Sie etwas? Na?

Und die vier Temperamente?

Ach, das hat doch überhaupt niemand wahrgenommen. Ich glaube bis heute nicht.

Wie kamen Sie denn auf die vier Temperamente? Denn die sind doch…

Das habe ich doch schon…

Nein, nein. Haben Sie noch nicht! In Ihren Worten: Das ist doch tiefer gehend.

Also nochmal gefragt. Soviel ich weiß: Die uralte Temperamentenlehre vertritt doch niemand mehr, Professor Zeitler…

Das ist doch jetzt das Thema! Wie kommen Sie, Professor Zeitler, dazu, den Phlegmatiker, den Sanguiniker, den Choleriker und den Melancholiker hier darzustellen? Hier an diesem Brunnen! Das interessiert mich! Kennen Sie denn Rudolf Steiner?

Die vier Temperamente (bei "Anthrowiki")

Ja, ja, als Stuttgarter Künstler kenne ich den Anthroposophen Steiner natürlich. Seine erste Waldorf-Schule steht ja seit einiger Zeit in Stuttgart. Er war oft da, er ist künstlerisch sehr interessiert. Mag sein, dass ich da von mancher dieser Diskussionen um ihn schon beeinflusst worden bin und…

Und er arbeitet ganz dezidiert mit den vier Temperamenten! Er hat da auch Goethes Ideen wieder aufgegriffen.  Er redet von der viergliedrigen Wesenheit, die mit den Temperamenten einen Zusammenhang bildet. So wie Paracelsus!

Aha, Paracelsus!  Ja, genau! Schön gesagt. Sehr schön. Ich bin überrascht. Also, das Viergliedrige...

…von dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und schließlich vom eigentlichen menschlichen Ich. Nur, wenn man auf diese ganze Wirklichkeit sieht, zu der auch das Geistige gehört, wenn man nicht bloß bei dem sinnlich Wirklichen bleibt, kann aus der Erkenntnis Lebenspraxis folgen. Sagt Steiner.

Aha! Sagt der Steiner. Nun, ich freue mich, dass mein Marktbrunnen, um den so viele Menschen sich bewegen, eine solche Nachdenklichkeit bewirkt. In solche Welten führt! Trotz allem. Bin überrascht.

Was reden wir denn hier? Wir denken alle, dass dies doch nur der Schwätzweiber…, äh, Marktbrunnen ist. Er hat also ein Geheimnis oben drauf.

Halt! Ich bin am Überlegen. Das gefällt mir, hier nicht nur ein kleines, neugierig besprochenes Geheimnis zu sehen, sondern ein viel größeres, das hinter dem Muschelkalkstein verborgen ist: Das Geheimnis des Lebens!

Na, ich weiß nicht! Wegen der vier Köpfe! Ist das nicht ein bisschen…Also…

Mir gefällt diese Idee! Das Geheimnis!

Sehen Sie! Sehen Sie! Ich habe es doch dem Schultheiß Hörmann geschrieben. Dieser Brunnen gehört zu den originellsten Brunnen Deutschlands. Habe ich ihm geschrieben! Und er, und er - hat darauf nicht geantwortet!

Also, Sie sind aber ein - Choleriker!

Wieso denn? He! Wieso?

)
Charakterkopf "C" = Choleriker am Brunnen (Foto: phil)


Zukunftsvision vom gestalteten Brunnen (Bild: Klaus Philippscheck)





11 Februar 2024

Martinskirche Frage 2: 

Christian von Leins versetzt die Eingangstür der Martinskirche um wenige Meter. Welche Theorie steht dahinter?

von Klaus Philippscheck

Immer, wenn ich Besucherinnen und Besucher an die südliche Außenseite der Martinskirche führe, mache ich sie auf eine Veränderung der Eingangssituation aus dem 19. Jahrhundert aufmerksam. Helle Steine zeigen, dass einst das Eingangsportal ein paar Meter weiter westlich gelegen hat. Und so stellt sich dann die Frage, wer hier wann und warum diese aufwendige Entscheidung getroffen hat.

Christian Friedrich von Leins
1814 - 1892 (Wikipedia)

Manche Gäste haben schon einmal gehört, dass der königlich württem-bergische Baumeister Christian von Leins bei seinen  Sanierungsarbeiten um 1863/64 auf der Südseite ein altes gotisches Häuschen abreißen ließ und dass hinter der darauf folgenden Versetzung des Eingangs eine Idee stand: Leins wollte die Grundstruktur der romanischen Architektur mit ihrer hohen Bedeutung der Symmetrie in Wert setzen - und der mittelalterliche Zugang in die Kirche lag nicht in der Mitte der vor Leins liegenden Kirchenschifffassade. Das war für Leins, dem bedeutenden Architekten des Historismus, ein derart wichtiges Problem, dass er einen neuen, jetzt zentralen Eingang in die Wand einbrechen ließ. Konsequenterweise wurde genau ein solcher Eingang von ihm auch in die Nordseite des Kirchenschiffs gesetzt - gespiegelt, symmetrisch.

Dass die Symmetrie gerade in der romanischen Architektur eine grundlegende Bedeutung hatte, ist eine richtige Einschätzung von Leins: Die Symmetrie stand zusammen mit den Formen des Kreises - auch des romanischen Halbkreises - für göttliche Ordnung und Struktur, Stabilität und Perfektion. Ausgehend von Platons Aussage "Gott treibt Geometrie" war es dann der christliche "deus geometra", der die Ordnung und die Schönheit des Kosmos geschaffen hat.

So weit wohl die Überlegungen unseres Architekten Leins, und sie scheinen stimmig zu sein. Aber für mich ist damit das Thema Leins noch nicht beendet, denn mich stört bei genauerer Betrachtung seiner Überlegungen eine Unstimmigkeit: Das Kirchenschiff, von dem Leins ausgeht, ist nicht mittelalterlich, sondern ein Ergebnis der Umgestaltung nach der Reformation - als die Krypta und damit der Hochchor abgerissen worden waren. Es blieb also ein viel kleinerer Chorbereich übrig, der ja im evangelischen Gottesdienst keine Funktion mehr hat.

Die Länge dieses neuen Kirchenschiffs hat Leins halbiert und dort sein neues Tor eingesetzt, um die erwähnte Symmetrie zu schaffen. Aber sie bleibt leider eine rein äußerliche Struktur, weil ja für den evangelischen Kirchenbau die Symmetrie gar keine Bedeutung mehr hat. Aber, kann man sagen, Leins wollte sie wieder als eine Form der stolzen mittelalterlichen Romanik aufgreifen.

Die Südseite der Martinskirche: Das 1864 zugemauerte Portal ist gut zu erkennen. Zur Entscheidung von Leins gehört auch das kreisrunde Fenster; auch das ein Aspekt der Symmetrie. Bitte beachten Sie am Obergaden die "einsame" Lisene. (Foto: phil)

Aber da gibt es ein Problem: Vor allem die mittelalterlichen Stiftskirchen sind keine in sich geschlossenen Baukörper. Es sind eigentlich zwei aneinander gestellte Kirchen: der Ostbereich mit erhöhtem Chor, dem Hochaltar, dem Chorgestühl; allein zugänlich für die Chorherren, die Pfarrer, die Kapläne, vielleicht mit zwei, drei Adelsplätzen. Dieser liturgische Bereich liegt abgegrenzt hinter einem hohen Lettner, der diese Welt des Klerus einrahmt, zu der übrigens auch die Laienbrüder nicht gehört haben. Vor dem Lettner gibt es dann noch den Bereich des Gemeinde- oder Kreuzaltars, an dem der Priester einen Teil der Messe zelebrierte und das Taufbecken.

Aufriss der Südseite. Violett unterlegt die "Priesterkirche", nicht viel kleiner als die gelb unterlegte Gemeindekirche. Man erkennt, dass das ehemalige Portal (rot) mittig zu diesem Kirchenteil liegt. Die Länge des heutigen Kirchenschiffs ist durch die schwarze Linie unten gekennzeichnet. (Bild koloriert aus dem "Band 4" des Landesdenkmalamts Stuttgart 1977 der "Forschungen und Berichte...")

Dieser ganze Bereich stellt die weitgehend in sich geschlossene "Priesterkirche" dar. Die Grenze dieses herausgehobenen Kirchenteils wird in Sindelfingen übrigens am Außenbau gezeigt: durch die einsame Lisene am Obergaden - siehe Foto. Ein wirkliches Unikum. Der übrige Raum im Kirchenschiff umfasst die Gemeindekirche, ohne Bestuhlung, mit weiteren Altären, immer offen durch ein Portal im Süden. Und da fällt mir auf: Wenn ich diese Gemeindekirche nehme und diesen Teil des Gesamtschiffs halbiere, dann bin ich genau an dem Ort, wo der historische Eingang, eben der durch Leins zugemauerte, sich befunden hatte. Das war die eigentliche romanische Symmetrie, die theologisch begründete; der historisch begründete Eingang in die Kirche.

Ich weiß nicht, ob dem historistischen Baumeister Leins dies bewusst war. Aber eines ist mir klar: Ihm war das perfekte "Bild der Romanik" wichtiger als theologische oder kulturhistorische Aspekte. Möglicherweise hatte er zwar eine "höhere Idee" vom Monument Martinskirche, aber wir kennen auch den sehr selbstbewussten "freien Umgang mit der Baugeschichte" im Historismus. Und ich denke lächelnd an den guten Freund von Leins, den aus Sindelfingen stammenden Pfarrer Ottmar Schönhuth: Wenn er für seine "Chronik der Stadt Sindelfingen" zur Geschichte der Martinskirche eine Sage braucht, dann schreibt er eben selbst eine. Bei ihm taucht die "Glocke im Hinterlinger See" 1864 das erste Mal auf und wir nicken freundlich. "Se non è vero, è bon trovato", sagt der Italiener: "Wenn´s auch nicht wahr ist, aber es ist sehr gut erfunden". 



07 Februar 2024

Martinskirche Frage 1:                                              Warum hat die Martinskirche keinen gotischen Chor?

Der lombardische Chor der Martinskirche; sehr wahrscheinlich von italienischen Steinmetzen geschaffen (Foto: phil)

Diese Frage haben wir - vor dem wunderbaren lombardischen Chor der Martinskirche stehend - unseren Besuch immer wieder gefragt. Und meist kam erstauntes Schulterzucken: Warum sollte sie denn ihren romanischen Chor - oder gar die ganze Kirche - verändern? Er ist doch wunderbar, so wie er ist.                                                                                             

Deshalb muss man noch einmal nachfragen: Aber wo sind denn andere romanische Chorformen in unserer näheren und weiteren Umgebung? Überall finden wir entweder gotische Kirchen oder wenigsten gotische Chöre an romanischen Kirchenschiffen. Überall. Schauen wir uns die nähere Umgebung an: Böblingen, Dagersheim, Leonberg, Weil der Stadt, Magstadt, Holzgerlingen, Ehningen, Nufringen, Gärtringen und auch Herrenberg - und das sind nur zehn Beispiele von vielen, vielen mehr.


die Dagersheimer Kirche (eine Dorfkirche): romanische 
Kirche mit gotischem Chor (Foto: phil)
frühgotischer Chor der Stuttgarter Stiftskirche (Wikipedia)




                                                                                            

                                                                   

Also: Sindelfingens Martinskirche ist eine große Ausnahme! Das reizt natürlich zur Frage: Warum?

Das Geld konnte es nicht sein: Sindelfingens Chorherrenstift war sehr reich. Stilistische Aspekte kommen auch nicht in Frage, denn eine starke Ablehnung des gotischen Stils gab es nicht: Das mit Sindelfingen personell stark verwobene Stuttgarter Chorherrenstift baute seine Kirche gotisch um; und in Tübingen wurde für das aus Sindelfingen umgesetzte Stift eine neue, klassisch gotische Kirche, Sankt Georg, gebaut. Die Gotik war der Stil, der die Romanik allerorten abgelöst hatte: zum Himmel strebend, leuchtend, die Gläubigen emotional ansprechend, ein neues Selbstbewusstsein symbolisierend.

die Lage der Krypta unter dem Chor (aus: "Alt-Sindelfingen", 1951, Seite 48)

Es kann also nur ein bedeutsamer baulicher Aspekt sein, der den gotischen Umbau der Martinskirche verhinderte. Und das ist ihre Krypta. Eine Zeitlang hatte sie als Grablege der Calwer Grafen und später des württembergischen Hauses gedient und diese Gräber wären beim Umbau verloren gegangen. Hier stand der Altar mit den Martinsreliquien. Bei einem komplexen gotischen Neubau hätte die Krypta nicht erhalten werden können. Der nördliche Anbau der kleinen Sakristei im gotischen Stil hat die Krypta nicht berührt, zeigt aber, dass man den neuen Stil eigentlich nicht ablehnte.  

Die Krypta, diese quer unter dem gesamten Chor liegende Unterkirche mit ihren Altären und Gräbern, wurde also für so bedeutsam gehalten, dass man den romanischen Bau in seiner Grundstruktur nicht anrührte. Aber dann änderte die Reformation alles: Die Krypta mit ihren Heiligenaltären, Reliquien, Monstranzen und Gräbern hatte ihre theologische Bedeutung völlig verloren, war längst ausgeräumt und war nur noch als ein schmutziger und feuchter Kellerraum übriggeblieben.1576, drei Jahrzehnte nach der Reformation wurde dieser unnütz gewordene Raum zugeschüttet. Die zugemauerten Fenster der Krypta sind außen an der Chorpartie noch zu sehen - als Zeugen der einstigen geheimnisvollen Unterkirche.

Wenn Krypten erhalten sind, dann meist in katholischen Kirchen oder auch aus übergeordneten gesellschaftlichen, familiären oder statischen Gründen, wie etwa in Oberstenfeld oder Denkendorf.

Die ehemalige Krypta in der Martinskirche; schematische Zeichnung aus "Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg, Band 4, Landesdenkmalamt, Stuttgart 1977, Seite 109; zusätzlich koloriert)



01 Februar 2024

Ein Sindelfinger Webmeister: Friedrich Ruthardt  

Immer wieder hat "Kultur am Stift" sich auch mit dem Thema der Sindelfinger Webereigeschichte befasst. Also geben wir hier auch ein kleines, aber typisches Beispiel.

An der Straße, die schnurgerade zum Böblinger Bahnhof führte und an ihrem südlichen Ende Böblinger Allee hieß, entstand 1896 direkt an der Markungsgrenze die Maschinenfabrik Emil Kabisch. Kabisch, aus Görlitz stammend und durch ein kostenloses Fabrikareal nach Sindelfingen gelockt, stellte vor allem auch Zusatzmaschinen zu Webmaschinen her. 

Noch im gleichen Jahr wurde hinter dem Fabrikgebäude ein Webereigebäude gebaut, in das die Stuttgarter Firma Bachert & Eppstein einzog, die ab 1904 als Bachert & Cie firmierte und "Crêpe de Santé" für Unterkleider webte; eine Stoffart, die "aus der Schweiz verpflanzt" worden war. Immerhin liefen da um die 50 Webstühle! 

Die Rechnung von 1905 zeigt den Fabrikkomplex an der Böblinger Allee. Am Westrand der
Allee das Ausflugslokal "Im Wiesengrund". (Rechnung im Privatbesitz.)

Werkführer für diese Firma war der nach Sindelfingen an die Böblinger Allee zugezogene Friedrich Ruthardt. Auch als die Firma dann ihre Besitzstruktur änderte und Schmid, Bachmann & Cie hieß, blieb er Werkführer. Seine Schwiegertochter erzählte, dass einmal im Jahr die Besitzerin, Frau Bachmann, aus der Schweiz kam, sich vom Werkmeister Ruthardt alles vorrechnen ließ und nach einem Tag in ihre Kaffeeplantagen nach Brasilien weiterreiste. Und die Sindelfinger ärgerten sich, weil Frau Bachmann immer in einem Böblinger Hotel übernachtete.

Familie Friedrich Ruthardt; mit Frau Katharina, geb. Zeile. Collage aus zwei Bildern. Für 
Familienfoto Dank an Frau Ruthardt, für Belegschaftsbild Bachert Dank an Horst Weber.

Auch, nachdem nach Ende des Ersten Weltkriegs die Firma Kabisch aufgelöst wurde und eine Aktiengesellschaft namens Optima, die bis 1919 Torgauer Stahlwerke AG hieß, das Fabrikgelände bezog, blieb Ruthardt in der Weberei tätig. Schmid, Bachmann & Cie löste sich auf und Ruthardt muss nun versucht haben, in der Weberei selbstständig weiterzumachen. Die Optima, die Waagen, aber auch Zubehör für Webereimaschinen produzierte, erweiterte sich aber 1927. Da wurde mit der erfolgreichen DEHOMAG, der Deutschen Hollerith-Maschinen Gesellschaft (Maschinen zum Verarbeiten von Lochkarten) ein Vertrag geschlossen, der neue Kapazitäten erforderte - und die Weberei aus dem Fabrikgelände verdrängte. (Die DEHOMAG gehörte damals schon weitgehend der amerikanischen Firma IBM.) Möglicherweise war dies auch eine Aktivität des neu aus Wien gekommenen Direktors Eugen Kaun.

Bauzeichnung 1926: Fabrikgebäude Ruthardt. Ab den
70er Jahren als Moschee genutzt. (Abb.: Stadtarchiv)

Webmeister Wilhelm Volz erzählte, dass Ruthardt dann einige Webmaschinen aufkaufte und mit ihnen in ein neu gebautes kleineres Fabrikgebäude zog, das der Optima an der Böblinger Allee genau gegenüber lag. Dort arbeitete Ruthardt, bis er in den letzten Kriegstagen noch eingezogen wurde. Da er aus dem Krieg nicht mehr zurückkehrte, vermietete seine Witwe die kleine Fabrik an einen Herrn Kölle, der bis zum Kriegsende bei der Sindelfinger Jacquardweberei Zweigart & Sawitzki beschäftigt war. Er arbeitete dieser großen Firma zu und erweiterte die Produktion. Sein Sohn Erich erbaute dann in Sindelfingen ein größeres Gebäude in der Vaihinger Straße. 

Diese Firma wurde etwa 1975 aufgegeben und Erich Kölle konnte dem Sindelfinger Webereimuseum eine noch in seinem Keller stehende Schaufelschaftmaschine stiften, die 20 Schäfte steuerte und mit der noch Schürzen mit Bordüren gewebt worden waren. Neben den Schürzen wurden auch Milchseihtücher für die Landwirtschaft gewoben und im Schweppelesgässle verkauft - auch das ist Sindelfingen. Ein interessantes Aperçu: Diese Schaufelschaftmaschine war bei der Firma Kabisch gebaut worden, von der wir schon erzählt haben.


29 Januar 2024

 Goethe, Gülich und Sindelfingen

Mit diesem Text fing es für uns an: „Dieser Mann, welcher zu Sindelfingen bei Stuttgart ansässig und zuletzt im Badenischen angestellt war und dessen Lebensgang wohl mehr verdiente bekannt zu sein, war in seinem Handwerk (...) wohl zu Hause.“ Es geht dabei um einen Sindelfinger namens Jeremias Gülich und das Handwerk des Färbens und ganz grundsätzlich auch um die Farbenlehre. Diese hat Goethe deshalb als seine große Forschungsaufgabe verstanden, weil darin für ihn über das „sonnenhafte“ Auge die Außenwelt mit der inneren Welt des Menschen ganzheitlich verbunden wird. Deshalb lehnte er die rein physikalische Farbentheorie des berühmten Isaac Newton radikal ab; und eine ähnliche Kritik an Newton hatte er auch in Jeremias Gülichs Büchern gefunden. So erwähnt der Dichterfürst Goethe neben dem Praktiker und Theoretiker Gülich auch unser Sindelfingen.

Auch Gülichs "Färbe- und Blaichbuch" argumentiert gegen Newtons Farbtheorie - in Sindelfingen geschrieben. Original im Sindelfinger Webereimuseum.

Der von Goethe gelobte Gülich hatte sich im Mai 1776 nach Sindelfingen verheiratet. Ein Sohn wurde im November 1778 hier geboren. Sein sechsbändiges Werk zur Färbekunst und zur Farbenlehre, 1776  – 1778 in Sindelfingen entstanden, dürfte dann aber der Anlass für den württembergischen Herzog Karl Eugen gewesen sein, Gülich 1779 als Web- und Färbermeister aus Sindelfingen in die Residenzstadt Ludwigsburg zu berufen. Zwar waren in Gülichs bewegtem Leben die Jahre, die ihn mit Sindelfingen verbanden, nur kurz, aber es waren doch seine entscheidenden und für die Entwicklung der Färberei in Württemberg bedeutsame Jahre.


die "Temperamentenrose" - von Goethe und Schiller gemeinsam entwickelt

In Sindelfingen aber wurde Gülich vergessen. Dabei hatte Gülich 1777 beim herzoglichen Oberrat um die Erlaubnis gebeten, eine geplante Türkischrot-Färberei und eine Garnsiederei in Sindelfingen aufbauen zu dürfen. (Irgendwo musste er seine in den Büchern ausführlich dargestellten Techniken ja ausprobieren.) Helmuth Maier hat dann 1954 in einer Veröffentlichung des "Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu" wieder an ihn erinnert. Dies hat „Kultur am Stift“ 2011 mit einer Veranstaltung wieder aufgegriffen.


Abbruch der sogenannten Gelbfärberei Heininger in der Grabenstraße (1998). In dieser Gegend
wird wohl auch Gülichs Werkstatt gestanden haben - direkt an der Schwippe (Foto: phil).

Material zu Gülich ausführlicher in: www.zeitreise-bb.de/guelich


23 Januar 2024


Eine Dresdner Villa in Sindelfingen

Kreiszeitung Böblingen, 4. April 2015 (Text gekürzt):

Mit dem Erlebnis „Dreimal volles Haus" war die Initiative „Kultur am Stift" im Chorherrenhaus sehr zufrieden. Es ging an den drei Abenden um die Kulturgeschichte der 110 Jahren alten, denkmalgeschützten Villa Leibfried in der Bahnhofstraße. Bei architekturgeschichtlichen Untersuchungen war „Kultur am Stift" auf eine verblüffende Tatsache gestoßen: Die Villa in der Bahnhofstraße, die sich der Sindelfinger Stadtkämmerer Wilhelm Leibfried 1904 vom hiesigen Architekten Georg Bürkle hatte bauen lassen, war eine Kopie. Vorbild war für ihn die einst sehr berühmte Villa Rautendelein des Schriftstellers Gerhart Hauptmann gewesen. Diese Geistesgröße musste den Sindelfinger so beeindruckt haben, dass er in einer baugleichen Villa wie sein verehrter Autor leben wollte. 

Entwurfszeichnung der Sindelfinger Villa
(Architekt Bürkle; aus dem Stadtarchiv)
Stadtkämmerer Wilhelm Leibfried und Ehefrau
Marie Luise (1897, Foto: Familie Frommer)

Der seltsame Häusername  "Rautendelein" war der Ausgangspunkt für das Team von „Kultur am Stift", um zuerst das persönliche und dann das kulturelle Umfeld des Literaturnobelpreisträgers Hauptmann aufzublättern. Rautendelein war nämlich der Name einer Elfe, die Hauptmann in seinem Märchendrama „Die versunkene Glocke" als eine Hauptfigur auftreten lässt. Alle Besucher zeigten sich erstaunt, dass der Autor, den fast jeder als den naturalistischen Verfasser von Sozialdramen wie „Die Weber" kennt, ein geradezu mystisches und märchenhaftes Stück in Versform geschrieben hatte. Dieses ganz unpolitische Stück stellte ganz unzweifelhaft eine Verarbeitung der schwierigen familiären Situation Hauptmanns und seine Beeinflussung durch den Philosophen Friedrich Nietzsche dar. Dazu passte es, dass ein anderes Elementarwesen aus diesem Stück, der im Wasser lebende "Nickelmann" vor den Unglück bringenden, in sich zerrissenen Menschen warnt.

Hauptmanns Dresdner Villa

der "Nickelmann" an der
Sindelfinger Villa

Dieser "Nickelmann" hing groß und eindrucksvoll drohend an Hauptmanns burgartiger Villa in Dresden, die im Zweiten Weltkrieg leider total zerstört wurde. Aber auch der Sindelfinger Stadtkämmerer Leibfried ließ sich dieses Märchenwesen für seine neue Villa in der Bahnhofstraße in Stein meißeln, weil er seinem  Vorbild  möglichst nahekommen wollte. Diese Figur schaut noch heute jeden Fußgänger an, der die Bahnhofstraße vom Marktplatz kommend entlanggeht. Es wurde an diesen drei Abenden von "Kultur am Stift" deutlich gemacht, dass die damalige Architektur oftmals die Lebensphilosophie ihrer Erbauer widerspiegeln sollte...  

Horst Uhel und Klaus Philippscheck beim Vortrag am 29. März 2015


21 Januar 2024

 Ein weiteres Schiff...

Welch ein Zufall! Da kennen wir in der Grabenstraße einen Treppenpfosten mit der Abbildung eines Kauffahrteischiffs und finden an der Ostseite der Villa Wittmann (heute "Kindervilla Wittmann" am Calwer Bogen) zur Bachstraße hin ein Fresko, das auch ein Schiff darstellt. Diesmal  ein eigenwilliger Zwitter zwischen Handelsschiff und römischer Galeere. Und hier der Zusammenhang: Anita Wittmann, die Ehefrau des Erbauers der Villa, stammte aus einer bedeutenden Hugenottenfamilie, den Frémery. Aus Frankreich geflüchtet fanden sich Nachkommen in Belgien, den Niederlanden und in deutschen Ländern. Anitas Vater war lange Jahre Großkaufmann in Argentinien und sie selbst war in Buenos Aires geboren. Dieser Hintergrund spiegelt sich im Fresko wieder: das Handelsschiff, die weiß-blaue Flagge Argentiniens und rot-weiß-blaue Flagge der Niederlande. Und dies alles an einer Sindelfinger Durchgangsstraße, der Bachstraße, zu entdecken...

Teil der Kartusche mit Schiffs-Fresko und (links) Teil eines Horaz-Zitats zur  Lage der Villa im Grünen.

Anita Wittmann (Foto mit Dank an Familie Bertsch)

Villa Wittmann mit der Familienkartusche zur Bachstraße hin. (Bild: google streets)


Weitere interessante Informationen zur Villa Wittmann beim Sindelfinger Schwarzwaldverein:

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