23 Januar 2024


Eine Dresdner Villa in Sindelfingen

Kreiszeitung Böblingen, 4. April 2015 (Text gekürzt):

Mit dem Erlebnis „Dreimal volles Haus" war die Initiative „Kultur am Stift" im Chorherrenhaus sehr zufrieden. Es ging an den drei Abenden um die Kulturgeschichte der 110 Jahren alten, denkmalgeschützten Villa Leibfried in der Bahnhofstraße. Bei architekturgeschichtlichen Untersuchungen war „Kultur am Stift" auf eine verblüffende Tatsache gestoßen: Die Villa in der Bahnhofstraße, die sich der Sindelfinger Stadtkämmerer Wilhelm Leibfried 1904 vom hiesigen Architekten Georg Bürkle hatte bauen lassen, war eine Kopie. Vorbild war für ihn die einst sehr berühmte Villa Rautendelein des Schriftstellers Gerhart Hauptmann gewesen. Diese Geistesgröße musste den Sindelfinger so beeindruckt haben, dass er in einer baugleichen Villa wie sein verehrter Autor leben wollte. 

Entwurfszeichnung der Sindelfinger Villa
(Architekt Bürkle; aus dem Stadtarchiv)
Stadtkämmerer Wilhelm Leibfried und Ehefrau
Marie Luise (1897, Foto: Familie Frommer)

Der seltsame Häusername  "Rautendelein" war der Ausgangspunkt für das Team von „Kultur am Stift", um zuerst das persönliche und dann das kulturelle Umfeld des Literaturnobelpreisträgers Hauptmann aufzublättern. Rautendelein war nämlich der Name einer Elfe, die Hauptmann in seinem Märchendrama „Die versunkene Glocke" als eine Hauptfigur auftreten lässt. Alle Besucher zeigten sich erstaunt, dass der Autor, den fast jeder als den naturalistischen Verfasser von Sozialdramen wie „Die Weber" kennt, ein geradezu mystisches und märchenhaftes Stück in Versform geschrieben hatte. Dieses ganz unpolitische Stück stellte ganz unzweifelhaft eine Verarbeitung der schwierigen familiären Situation Hauptmanns und seine Beeinflussung durch den Philosophen Friedrich Nietzsche dar. Dazu passte es, dass ein anderes Elementarwesen aus diesem Stück, der im Wasser lebende "Nickelmann" vor den Unglück bringenden, in sich zerrissenen Menschen warnt.

Hauptmanns Dresdner Villa

der "Nickelmann" an der
Sindelfinger Villa

Dieser "Nickelmann" hing groß und eindrucksvoll drohend an Hauptmanns burgartiger Villa in Dresden, die im Zweiten Weltkrieg leider total zerstört wurde. Aber auch der Sindelfinger Stadtkämmerer Leibfried ließ sich dieses Märchenwesen für seine neue Villa in der Bahnhofstraße in Stein meißeln, weil er seinem  Vorbild  möglichst nahekommen wollte. Diese Figur schaut noch heute jeden Fußgänger an, der die Bahnhofstraße vom Marktplatz kommend entlanggeht. Es wurde an diesen drei Abenden von "Kultur am Stift" deutlich gemacht, dass die damalige Architektur oftmals die Lebensphilosophie ihrer Erbauer widerspiegeln sollte...  

Horst Uhel und Klaus Philippscheck beim Vortrag am 29. März 2015


21 Januar 2024

 Ein weiteres Schiff...

Welch ein Zufall! Da kennen wir in der Grabenstraße einen Treppenpfosten mit der Abbildung eines Kauffahrteischiffs und finden an der Ostseite der Villa Wittmann (heute "Kindervilla Wittmann" am Calwer Bogen) zur Bachstraße hin ein Fresko, das auch ein Schiff darstellt. Diesmal  ein eigenwilliger Zwitter zwischen Handelsschiff und römischer Galeere. Und hier der Zusammenhang: Anita Wittmann, die Ehefrau des Erbauers der Villa, stammte aus einer bedeutenden Hugenottenfamilie, den Frémery. Aus Frankreich geflüchtet fanden sich Nachkommen in Belgien, den Niederlanden und in deutschen Ländern. Anitas Vater war lange Jahre Großkaufmann in Argentinien und sie selbst war in Buenos Aires geboren. Dieser Hintergrund spiegelt sich im Fresko wieder: das Handelsschiff, die weiß-blaue Flagge Argentiniens und rot-weiß-blaue Flagge der Niederlande. Und dies alles an einer Sindelfinger Durchgangsstraße, der Bachstraße, zu entdecken...

Teil der Kartusche mit Schiffs-Fresko und (links) Teil eines Horaz-Zitats zur  Lage der Villa im Grünen.

Anita Wittmann (Foto mit Dank an Familie Bertsch)

Villa Wittmann mit der Familienkartusche zur Bachstraße hin. (Bild: google streets)


Weitere interessante Informationen zur Villa Wittmann beim Sindelfinger Schwarzwaldverein:

20 Januar 2024

 Was ein Treppenpfosten erzählen kann...

Rechts die Initialen der Erbauer des Hauses Grabenstraße 29: Anna und Gustav Wergo. Der Pfosten ist möglicherweise vom Sindelfinger Bildhauer Robert Schäfer geschnitzt worden (Foto: phil).

In einem Haus in der Grabenstraße fällt dem Besucher ein interessanter Treppenpfosten auf. Dieser ist hierhin ins Exil gerettet worden - aus dem Abrissmaterial des Nachbarhauses, dem ehemaligen Haus Wergo. Dies war etwa 1910 vom Sindelfinger Architekten Bürkle im  typischen Heimatstil erbaut worden - für Gustav Wergo, den Prokuristen der Textilfirma Dinkelacker. Viele haben 1998 kopfschüttelnd dem Abriss dieses schönen Gebäudes zuschauen müssen.

Von der Familie Wergo erzählt der Treppenpfosten: Das Kauffahrteischiff mit dem osmanischen Halbmond und dem christlichen Kreuz erinnert an die bewegte Geschichte dieser griechischen Familie Wergo, die aus Konstantinopel stammte. Die Tatsache, dass sie die geheimnisvolle Türkischrot-Färberei nach Württemberg brachte, stellt sie mitten in wichtige ökonomische Prozesse der Industrialisierung Mitteleuropas.

Das Geschäfte der Familie Wergo direkt am Marktbrunnen und an der Realschule. Historisches Foto (bearbeitet): Stadtarchiv.


Eine "Kultur-am-Stift"-Initiative 2003: Ein historischer Markt um den
Brunnen herum. Am Sockel des Brunnens eine Malerei in Erinnerung
an die Familie Wergo (Foto: phil). Die Leinwand ist heute im Besitz der
Griechischen Gemeinde Sindelfingen.

 
Weitere Informationen über die Familie Wergo auf der Internetseite des Sindelfinger Schwarzwaldvereins: https://www.swv-sindelfingen.de/?view=article&id=209&catid=90:stadtgeschichtlicher-weg-sindelfingen


18 Januar 2024

 Eine Seite eines Gußmann-Comics

Das wäre ein interessanter Film- oder Comicplot: Die Auseinandersetzungen zwischen dem ehemaligen Sindelfinger Schreinergesellen Jakob Heinrich Gußmann und einem Teil der Sindelfinger Bürgerschaft. Gußmann war in 12 Jahren zum Proviantkommissar für die Truppen des Schwäbischen Bundes am Ludwigsburger Hof aufgestiegen. Als Gußmann 1750 in seine Heimatstadt zurückkam und als Bürgermeister eingesetzt wurde, schuf sein Lebens- und Arbeitsstil erhebliches Konfliktpotential: gottlose Ränke, Stolz, Kleiderpracht, Üppigkeit im Essen und Trinken, Parteilichkeit - das waren Vorwürfe, die typisch für eine kleine pietistisch geprägte Bauern- und Handwerkerstadt waren. So bildete hier auch sein im Anwesen Stumpengasse 1 eingerichteter, bilderreicher blauer Rokoko-Salon ganz sicher einen Fremdkörper im Ort. Alle Absetzungseingaben scheiterten, die Obrigkeit hielt 14 Jahre an Gußmann fest und durch die Gassen schallten lautstarke Auseinandersetzungen.

Die folgende Comic-Seite greift dieses Thema auf. 

 

Comic-Zeichnung: phil

14 Januar 2024

Thema: Vergessene Sindelfinger

Christoph Friedrich Grieb

Die Beschäftigung mit Christoph Friedrich Grieb ergibt ein typisches Bild: Dieser Sindelfinger, der in Otto Borsts Buch "Die heimlichen Rebellen" gewürdigt wird, hinterlässt ein eindruckvolles und vielfältiges Werk, in dem sich das 19. Jahrhundert wie in einem Kaleidoskop spiegelt. Ein Schüler des Stiftsgymnasiums formulierte dazu: "Durch seine vielen Reisen kam er in Kontakt mit den führenden Köpfen seiner Zeit, erkannte die Bedeutung von deren Vorstellungen und konnte auf gleicher Augenhöhe mitreden."

Aber er wird in seiner Heimatstadt vergessen - obwohl er selbst seine Heimatstadt nicht vergessen hat. Das zeigt sich mehrfach: Obwohl er 1836 in Paris die Badenerin Margarethe Gärtner "gemäß dem Code Napoleon" geheiratet hat, gibt es noch eine kirchliche Trauung - und zwar 1842 in der Martinskirche. Die Tochter Marie Dorothea stirbt 1841 kurz nach der Geburt - und zwar in Sindelfingen; ein Sohn Christoph Friedrich wird 1842 hier getauft. Die Kontakte zur hiesigen Familie sind also noch eng gewesen. Aber als Literat, Autor, Übersetzer und Sozialpolitiker sucht er seinen Lebensmittelpunkt natürlich in Stuttgart, der Hauptstadt des Königreichs Württemberg.

Sein Sprachgenie, sein erfolgreiches deutsch-englisches Wörterbuch, sein sozialpolitisches Engagement, seine Freundschaften mit vielen europäischen Sozialreformern, sein außergewöhnliches Interesse an den weltweiten technischen Entwicklungen - diese fünf Hinweise sollten schon ausreichen, um seine überregionale Bedeutung erkennen zu lassen und die Berechtigung dafür, dass seine Heimatstadt ihn aus der Vergessenheit zurückholen sollte. Daher der Vorschlag eines Straßennamens:

Zur Unterstützung dieser Idee führen wir hier folgend kurz und knapp einige wenige seiner Aktivitäten anhand von typischen Veröffentlichungen auf, um seine durchaus landesweite Bedeutung ins Licht zu rücken. Es sind einige wenige Ergebnisse der Recherchen für unsere  Veranstaltung, die im November 2009 mit dem Titel "Kein Mensch kann wahrhaft glücklich sein, so lange es nicht alle sind" stattgefunden hat. 

Eine der vielen Ausgaben von Griebs Wörterbuch, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verlegt worden ist (zum Teil bei Langenscheidt). (Abb.: Wikipedia)

Die berühmte Zeitschrift "La Phalange", in der die Ideen des utopischen Sozialreformers Charles Fourier vorgestellt und diskutiert werden. Grieb gehört zu den vielen begeisterten Unterstützern dieses genossenschaftlichen Projekts. Er schreibt für diese Zeitschrift sowohl aus Amerika, wie auch später als Korrespondent aus Stuttgart. Wenn er sich auch allmählich von den extremen Formen Fouriers löst, bleibt er sein Leben lang ein engagierter Unterstützer der "Associationen", also der Genossenschaften. (Abbildung: Wikipedia)


Ein außergewöhnliches Dokument: erste Seite eines Briefes, den Grieb 1839 als "Sekretär" für eine Gruppe von Fourieristen in New York (darunter sein Schwager F.G.Gärtner) an den damaligen texanischen Präsidenten Mirabeau Buonaparte Lamar schreibt. Man erbittet Siedlungsland am Rio Grande. Nach positiver Antwort reist die Gruppe tatsächlich nach Texas; Grieb allerdings reist nach Paris zurück. Das texanische Projekt scheitert nach relativ kurzer Zeit. (Kopie im Besitz von Kenneth Grieb.)


Grieb wagt es, eine eigene Geschichte der Sozialökonomie zu schreiben und eine ausführliche eigene Auseinandersetzung mit dem berühmten Adam Smith zu führen; er anerkennt die wissenschaftliche Leistung Smith`s, lehnt aber dessen soziale Kälte rigoros ab. (Buch im Besitz von K. Philippscheck.)

An technischen Neuerungen ist Grieb besonders interessiert; er übersetzt 1837 - 1844 die Bücher des François Arago, dem berühmten französischen Physiker und Astronom. Er selbst hat Arago in Paris kennengelernt und schreibt später eine eigene "Geschichte der Telegraphie". (Abb. bei "google books".)

in politisch heißen Zeiten: erste Landtagswahl im Königreich Württemberg nach der bürgerlichen Revolution 1848; Grieb kandidiert im Wahlkreis Böblingen, wird allerdings nicht gewählt, da keine politische Gruppe hinter ihm steht. Für seine genossenschaftlichen Ideen ist es noch zu früh. (Ausschnitt: "google books")

Ein außergewöhnliches Buch für Europa: Grieb lehnt die amerikanische Sklavengesellschaft strikt ab; das Buch beginnt mit einer ausführlichen Darstellung der amerikanischen Sozialstruktur, die 1861 - ein Jahr nach Griebs Tod - zum Bürgerkrieg führte. (Buch im Besitz von K. Philippscheck.)

Wir ergänzen zwei außergewöhnliche Aspekte: 

1. Margherita, eine Enkelin Griebs, heiratet 1914 in den neapolitanischen Hochadel ein. Der Palast ihres Mannes, Ettore Herzog von Capecelatro, steht noch heute in Neapel (Vico della Calce, 34; bei "Google Earth" groß ins Bild zu holen). 

2. Die Initiative "Kultur am Stift" hatte bis zu seinem Tod Kontakt mit einem Urenkel Griebs, Kenneth Grieb in Somerset/Cornwall, der auch im Sindelfinger Archiv Familienforschung betrieb. Von ihm haben wir dankenswerter Weise Kopien vieler interessanter Dokumente bekommen. 


09 Januar 2024

Poetischer Text zur Sindelfinger Webereigeschichte: der letzte Strumpfweber

 "Stierles Abschied"

historisches Foto eines Strumpfwebers um 1900

 „Als ich von Ihrer Anzeige in der Zeitung benachrichtigt wurde, Meister Stierle, bin ich gleich von Stuttgart heraufgekommen“, erklärte der bärtige, elegante Antiquitätenhändler. Sie standen beide im letzten Licht des Septembertages im verwilderten, malerischen Gemüsegarten des kleinen Hauses in der Grabenstraße. Es begann schon kühl zu werden, hier unten, im ehemaligen Stadtgraben, unterhalb einer Reihe bescheidener Häuschen. Hier stand die Welt still. Die Blätter wurden blau und begannen leise zu singen.

Webmeister Stierles Haus, Grabenstraße 28, wie es im Jahr 2010 noch ausgesehen hat; hinter dem Haus der historische Stadtgraben...

„Man hat Sie mir angekündigt. Schauen Sie, mein Herr, hier ist es doch noch immer schön, oder?“, flüsterte jetzt der alte, gebeugte Mann. Der Gast nickte: „Ich erahne Ihren Schmerz, dass gerade Sie als Zunftvorstand den letzten Strumpfwebstuhl Sindelfingens mir verkaufen müssen, aber...“

Stierles Anzeige 1870 im "Böblinger Boten"

 „Es ist gut! Es ist gut! Kommen Sie!“ In Stierles runder Brille spiegelten sich alle Farben seiner zehntausendfach geträumten und gewebten Kinderstrümpfe, Kinderlachen wehte vorbei, eine Taube gurrte. Das Haus wurde noch kleiner und melancholischer; in seinem obersten Fenster schien sich gerade noch die untergegangene Sonne zu spiegeln, glutrot.

 Eine Tür wurde aufgerissen. „Um Gottes Willen, Mathias, dein Webstuhl! Komm!“ Die beiden Männer eilten an der Frau vorbei die enge Treppe hinauf; im ersten Stock flatterten bunte Kinderstrümpfe wie Schmetterlinge davon, schwebten glitzernde Haken und Ringe durch die Wände nach außen, Schrauben und Muttern, Nieten und Nägel hüpften die Treppe herunter und verschwanden, Stierle griff durch die kristallene, zu Perlen zerstäubende Mechanik hindurch ins Leere, Kerzen zerschmolzen, ein Traum löste sich auf. Sie schauten sich an, bevor der alte Webmeister die Tür der obersten Wohnstube, der Arbeitsstube, vorsichtig öffnete. Das dämmrige Zimmer war völlig leer; am Boden verblasste ein Farbfleck. „Der Webstuhl hat alles mitgenommen, alles, auch meinen Meisterbrief dort an der Wand, tut mir Leid, es ist nichts mehr da“, flüsterte Stierle und nahm die Brille ab.



 Im Gedenken an Jürgen Werner

Voller Trauer haben wir gestern vom viel zu frühen Tod unseres Freundes Jürgen Werner erfahren. 

Mein erster Kontakt zu ihm waren die Aktionen von der Greenpeace-Ortsgruppe Sindelfingen, bei der er engagiert war. Später intensivierte sich eine Zusammenarbeit durch unser gewerkschaftliches Engagement; bei Jürgen war dies auch ergänzt durch seine Unterstützung für die von der Streichung gefährdete Betriebsseelsorge. Alles wurde übertönt durch die Begeisterung des Mathematikers Jürgen Werner für die klassische Musik. Da mussten oft andere Dinge warten.

Auch unsere Initiative "Kultur am Stift" ist von Jürgen unterstützt worden - materiell, aber auch - immer voller Freude - durch eine konkrete Zusammenarbeit. An die wollen wir hier erinnern mit einem kleinen Drei-Minuten-Ausschnitt aus einem der fünf Filme mit fiktiven Interviews zum Thema August Schäfer. Schäfer, der vom Sindelfinger Historiker Fritz Heimberger "der erste Sindelfinger Demokrat" genannt wurde und 1837 zu früh im Straßburger Exil starb, war Thema eines Informationsabends unserer Reihe "Vergessene Sindelfinger", der durch diese fünf Filme ergänzt wurde.

Jürgen hatte die Rolle des (fiktiven) Schäferschen Jugendfreundes Friedrich August Kolbe übernommen, der im Jahr 1853 an ihre Stuttgarter Zeit zurückdenkt und dabei auch die damalige politische Situation umreißt

phil


Filmausschnitt: Kultur am Stift und Hans Knauß


07 Januar 2024

Der Poetische Ort “Die Welt im Bauerngarten” 

Im Jahr 2016 packte "Kultur am Stift" das Projekt eines neuen "Poetischen Orts" an. Es ging dabei um den an der Ziegelstraße neben dem Chorherrenhaus gelegenen alten Bauerngarten. Um unsere Intention zu beschreiben, zitieren wir aus der Projektbeschreibung für die Künstlerin Linde Wallner:


Die neun Stelen der Linde Wallner

"Als nächster Poetischer Ort ist der Bauerngarten, der zum Komplex des Sindelfinger Chorherrenhauses gehört, angedacht. Der Bauerngarten ist mit seiner Kreuzstruktur traditionell angelegt und wird durch das Sindelfinger "Stadtgrün" gepflegt. Seine direkte Umgebung ist das sogenannte Chorherrenhaus, aufwendig restauriert, aus dem 15. Jahrhundert stammend. Mit der mittelalterlichen Welt der Chorherren befinden wir uns in einem Umfeld höchster Bildung. 

Zum Haus gehört ein kleines Waschhaus, auch die dahinter stehende ehemalige Scheune, heute Atelierhaus, auch mit Fachwerkfassade. Zwar sind die kleinen Ställe alle verschwunden, aber es ist verblüffend, dass mitten in Sindelfingen ein ehemaliges Gehöft noch so gut erkennbar steht. Wir wollen mit einem Kunstwerk auf diesen Schatz aufmerksam machen. Denn er ist in seiner überraschend bestehen gebliebenen Struktur und als Erinnerung an das Bauernstädtchen Sindelfingen sehr vielen Menschen nicht mehr präsent, obwohl dieser Komplex bis weit ins 20. Jahrhundert hinein landwirtschaftlich genutzt gewesen ist. 

Der Bauerngarten ist schon auf dem frühen Plan Sindelfingens von 1830 gut zu erkennen. Im kleinen, sehr engen Städtchen Sindelfingen hat es nicht viele solcher Bauerngärten gegeben, weil in den allermeisten Fällen der Platz für einen solchen Garten nicht vorhanden war und weil der klassische Bauerngarten nicht nur intensiv genutzter Nutzgarten gewesen ist, sondern durchaus auch Ziergarten gewesen ist; zeitweise galt dieser Teil dann als "verschenkter Platz". Eigentlich aber war der Garten der Stolz jeder Bäuerin mit seiner überquellenden Gemüse- und Blumenfülle, auch den Heilkräutern, die von Buchsbaum eingefasst wurden, der Blitze, Krankheiten und Hexen abwehren sollte. 

Plan von 1830; der Pfeil weist auf den Garten

Damit eingefasst waren auch die sich kreuzenden Wege, die den Garten in vier gleichgroße Teile zerschnitten. Diese Kreuzform im Garten, geradezu das "Rückgrat" des Gartens, war dann durchaus auch religiös gedeutet: Das Kreuz christlich als Heilszentrum, die vier abgehenden Wegarme als die vier Flüsse zum Garten Eden. 

Dieses Zentrum des Gartens, das oft mit einem kleinen Pavillon oder manchmal auch mit einer Heiligenfigur oder einer kleinen Brunnenanlage symbolisch überhöht war, ist unser Ort für ein Kunstwerk."

Linde Wallner im Gespräch mit Horst Uhel im Weinlaub des Chorherrenhauese

Die Herrenberger Künstlerin Linde Wallner, leider inzwischen verstorben, hat mit ihrem Werk die kulturhistorische Bedeutung der Bauerngärten ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt. Ihre neun Keramikstelen symbolisieren die Schutzgöttinnen der Künste, die Musen, Frauengestalten der griechischen Mythologie. Das passt zu den humanistisch gebildeten Chorherren des späten Mittelalters und die Tatsache, dass die Bauerngärten von den Bäuerinnen gepflegt worden sind. 

Unter vielen weiteren symbolischen Zusammenhängen greifen wir die Besonderheiten der Zahl Neun auf und lassen hier den Text des Einweihungsabends folgen:

Die Rede der Neun

Ich bin die Neun. Ja, ich bin die Neun - und freue mich durchaus, dass man in diesem Garten hier an mich gedacht hat. An die Neun. Wegen der neun Stelen hier.

Vielen Dank. Ist ja nicht so selbstverständlich. Was gelten denn die Zahlen heutzutage noch über die bloße Informationsvermittlung von Mengenangaben hinaus? Was? Wer sieht mich, die Neun, noch als Zahl der Vollkommenheit? Ja, der Vollkommenheit!

Schließlich bin ich die Zahl, in der die göttliche Zahl Drei dreimal enthalten ist. Merkt ihr´s? Wisst ihr´s? Nein, ich seh´s euch an, ihr wisst es nicht mehr. Auch nicht, dass mit den alten, klassischen Werkzeugen, also Zirkel und Lineal, ein wahres Neuneck nicht konstruiert werden kann. Nie und nimmer. Hoffnungslos. Geht bei mir nicht!

Ja, mit dem Quadrat, dem Sechseck, auch dem Achteck geht das. Es sind die Langweiler der geraden Zahlen, die alles mit sich machen lassen. Nicht mit mir. Natürlich auch mit meinem Bruder, der Sieben, geht das nicht. Wir ungeraden Zahlen sind etwas besonderes.

Ja, ich hab´s euren Gesichtern angesehen, das Funkeln in den Augen bei meiner Erwähnung der Sieben. Ja, die ist eine harte Konkurrenz für mich, aber auf faire und liebenswürdige Art. Wir sind verwandt: Die Sieben entstanden aus der erwähnten göttlichen, geistigen Drei und der Vier, der Zahl der Elemente, der Materie - also alles umfassend. Gebe ich zu, ist unschlagbar: die sieben Sakramente, die sieben Todsünden, die sieben  Weltwunder, die sieben Wochentage, ja, auch die sieben Zwerge und, und, und.

Aber ich verstecke mich nicht. Ach, du grüne Neune, sagt man doch, wenn beim Kegeln alle Neune fallen? Fällt euch Siebengescheite nicht gleich der Neunmalkluge ein? Und die neun Monate der Schwangerschaft und die neun Musen der griechischen Mythologie, sind die nichts? Thalia, Clio, Erato, Urania, usw. Ihr kennt sie ja.                                                         

Bin ich was? Was bin ich? Es summt in meinem Kopf, es ist die Musik, sie lässt mich nicht los. Warum haben so viele Komponisten es genau zu neun Sinfonien gebracht? Nur vier Beispiele: Beethoven, Bruckner, Dvorak, Mahler - Mahler, der sie dem Thema Tod und Abschied widmet. Dachte er an die neun Höllenkreise - oder an die neun Engelshierarchien? Wie interpretiert ihr das?

Worüber philosophieren wir hier? Merkt ihr etwas? Von welchen Höhen wir herabsteigen, wenn wir ins  - wie nennt ihr es noch? - digitale Zeitalter gleiten? Ich muss mich festhalten, mir schwindelt. Was bin ich euch noch wert? Ich kann es fast nicht aussprechen: Die digitale Welt kennt nur noch die Ziffern Null und Eins! Nicht einmal den größten Langweiler, die Zwei, gibt es da mehr!  Die Zahlen sind nur noch Zeichen. Mich schreibt man da 1-0-0-1. Schrecklich. Und erkennt´s :  So kann es keine magischen Quadrate mehr geben! Mein Gott!

Meines ist zwar das kleinste Quadrat, mit allen neun Ziffern und der einzig möglichen Quersumme 15. Genau das Quadrat, das hier - schauen Sie -  in diesem  Werk der neun Stelen, seine Form sucht und den Bauerngarten behüten soll. Das Rettende naht.

Nun, ich entlasse Sie alle mit Dank für Ihre Sympathie für alle Zahlen und wünsche…

Oh, halt! - Eine Sache darf nicht fehlen, um sie Ihnen mit auf den Weg zu geben. Das sage ich mit lächelndem Stolz: Ich, die Neun, bin die einzige Ziffer, die nach der Multiplikation mit einer beliebigen ganzen Zahl am Schluss in der Quersumme immer wieder selbst auftaucht.  Probiert´s:  Drei mal neun gleich 27:  2 und 7 ist neun.  Fünfzehn mal neun ist 135; ja, 1 und 3 und 5 gibt  - 9.  Einhundertsechsundzwanzig mal neun ergibt 1134 ! Und 1 und 1 und 3 und 4 – ach, rechnet selbst. Sechshundertsechsundsechzig mal neun ist gleich 5994. Zähle ich davon, von 5994, nun die Quersumme ergibt sich -  27. Also 2 und 7 gleich...Wir ahnen es nicht nur, wir wissen es.

Das Geheimnis der Neun. Unerklärbar, magisch. Einzig, einzig  Giuseppe Balsamo, genannt Graf Cagliostro, Alchemist, war der Lösung nahe, starb aber in eine winzige Zelle eingemauert in der italienischen Festung San Leo.  1795.

Ich ziehe mich ins Analoge zurück.




31 Dezember 2023

Sindelfinger Bilder 3

Burggasse: historisches Bild aus dem Stadtarchiv (farbig bearbeitet). Die Scheune rechts gehörte zum Haus Burggasse 5 und wurde im Krieg zerstört; sie gehörte, wie das Haus links, zum Bereich der "Burg".


Die Untere Burggasse

Schon lange wird über die Situation der Unteren Burggasse diskutiert - bisher ohne Ergebnis. Nun (Ende 2023) soll sich dies ändern. Wir schlagen vor, bei der Diskussion über neue gestalterische Strukturen auch historische Aspekte mit einzubeziehen - immerhin heißt das aktuelle Projekt offiziell "Ferkelmarkt/Burg".

Der uralte Begriff "Burg", der bis in unsere Zeit hinein überlebt hat, bezieht sich darauf, dass sich hier im Mittelalter der Gutshof befand, das heißt der herrschaftliche Hof eines großen landwirtschaftlichen Verwaltungsbereichs - also ein sogenannter Fronhof. Ein solcher Hof umfasste eine Reihe von Werkstätten und Wohngebäuden, gelegen um den eigentlichen Herrenhof herum - also den stabilen, steinernen Wohnsitz der Herrschaft.  Daher passt der Begriff "Burg", in Sindelfingen wurde  er auch einmal "Schloss" genannt.

Als die Stadt Sindelfingen 1263 gegründet wurde, wurde dieser besondere Hofbereich in die Stadtmauer mit einbezogen, aber als ein gewisser juristischer und sozialer  Fremdkörper in der Stadt wurde er logischerweise durch Grenzsteine abgesetzt. Sindelfingens Historiker Eugen Schempp zeigte auf, dass dieser "Burgbereich" 17 Häuser umfasste und Jahrhunderte lang als ein Sondergebiet verwaltet wurde: Seine Häuser waren von der herrschaftlichen Fronsteuer befreit. Den eigentlichen Herrenhof vermutete er durch einen Grabungsfund beim heutigen Grundstück Planiestraße 3 - einer ehemaligen Bäckerei.


alte Postkarte (Ausschnitt): Planiestraße mit Gasthaus "zur Burg" -auch heute noch Gaststätte

Im Verlauf des späten Mittelalters löste sich die Struktur der Fronhöfe Schritt um Schritt auf, auch in Sindelfingen. Es entstand ein etwas abseits gelegenes  Quartier, im Schatten der Stadtmauer und des "Neuen Turms", dessen Name "Burg" aber nicht vergessen wurde. Bis in unsere Zeiten hinein wurde sogar vom "Burgschultes" gesprochen, der als Ansprechpartner für die "Burgbewohner" fungierte. 


farbig ergänzter Plan von 1830: grün die 1830 noch erhaltenen Reste des Stadtgrabens (rechts heutige Planie, unten heutige Untere Vorstadt); in Braun die 1830 noch erhaltenen Reste der Stadtmauer und der "Neue Turm"; die rote Grenzlinie umfasst die sogenannte "Burg" im Südost-Eck der ummauerten Stadt.


Nach dem Abriss der östlichen und der südlichen Stadtmauer und der Planierung des Grabens im Osten war einerseits  die abseitige und etwas heikle Lage im Schatten des "Neuen Turms" (er war zum Stadtgefängnis umgenutzt worden) aufgehoben: Die Untere Burggasse war nun zum Verbindungsweg aufgewertet, der das Altstadtzentrum mit dem neuen Stadtzentrum um das 1842 erbaute Rathaus verband. Andererseits wurde das bis in unsere Tage baulich nicht deutlich, denn dieses Gebiet ist das am wenigsten attraktive der gesamten Altstadt.

Hoffen wir, dass sich dies jetzt ändert. 


zur Diskussion: Gestaltung der Unteren Burggasse mit rustikaler Mauer, einem Burggarten, dem Schweinestall, einer Ferkelgruppe, der Vogeltränke, dem Fenster zur Erinnerung an den Herrenhof und dem Grenzstein zwischen der Stadt und der "Burg" (Entwurf: phil)

19 Dezember 2023

Pfarrer Schönhuth und sein Sindelfingen

(Abbildung: Familie Schönhuth)

(Es folgen Ausschnitte aus einem szenischen Text zu den Literaturwochen 2017 in Sindelfingen, der sich mit dem in Sindelfingen geborenen und aufgewachsenen Pfarrer Ottmar Schönhuth beschäftigte. Als national begeisterter, monarchistisch eingestellter Zeitgenosse gehörte er zum konservativem Bürgertum des Königreichs Württemberg - mit stetem Blick zurück in die Geschichte.) 

Gesprächsauszüge: ...Die Schönhuths waren über Generationen die Kellermeister der Tübinger Universität in Sindelfingen  -  das sogenannte" Storchenhaus" war das Verwaltungszentrum. 

Ottmars Großvater wurde dann sogar zusätzlich Amtmann der damaligen Oberamtsstadt Sindelfingen  -  

...also - eine respektable, gut situierte Familie...

die Tübinger Universitätskellerei, "Storchenhaus" genannt
(für das Bild Dank an den Schwarzwaldverein)

...aber mit einem schnellen Abstieg Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der ehemalige Archivleiter Dr. Burr hat das nachrecherchiert, im Jahrbuch 1970 zu lesen: Um die Amtsführung des Großvaters gab´s zum Beispiel immer wieder heftigen Streit.

Und sein Sohn, also Ottmars Vater, promovierter Jurist, verspielte und verspekulierte Schritt um Schritt den gesamten Besitz. Wohl auch deswegen brachte sich der Großvater 1813 im eigenen Haus um.

Der älteste Sohn, also Ottmar, war da 7 Jahre alt und musste den jahrelangen bösen Dauerstreit der Eltern erleben. 

Die Mutter blieb mit den vier Kindern völlig mittellos in Sindelfingen zurück. Das Gasthaus zur „Goldenen Glocke“, das die Schönhuths gekauft hatten und das nur einen Katzensprung von der Martinskirche entfernt lag, musste verkauft werden - wie alles andere auch. Und trotzdem schreibt Ottmar später geradezu harmlos:

"Sindelfingen ist der Ort, an dem ich geboren und erzogen wurde, wo mein lieber Vater, viele meiner Geschwister und alle meine Voreltern begraben liegen und wo noch meine einzigen Verwandten von väterlicher Seite leben."

Ottmar war trotz aller dieser Geschehnisse in der Sindelfinger Lateinschule ein sehr guter, sehr beredter, begeisterungsfähiger Schüler, hieß es. So gut, dass er sogar das sogenannte Landexamen bestand und auf einen Antrag der Mutter beim König eine Freistelle im evangelischen Klosterseminar Schöntal im Jagsttal bekam. 

Der klassische schwäbische Weg geht danach ja weiter ins Tübinger Stift, zum Theologiestudium.

Auch Ottmars Weg. Er wird also in Tübingen dann von der dortigen spätromantischen Bewegung ganz und gar ergriffen…

...in fast kindlicher Begeisterung nimmt er die literarischen und philologischen Ideen von Uhland, Mörike, Silcher auf; er würde am liebsten alle solche Ideen gleichzeitig aufgreifen und umsetzen…

...veröffentlicht schon mit 20 Jahren sein erstes Buch, nämlich „Hugos von Trimberg auserlesene Fabeln, Erzählungen und Schwänke aus dem Ende des 13. Jahrhunderts“.

Also nichts Theologisches!


(aus: Google books)

Nein, nein, typischerweise etwas Historisches. Das war seine Welt! Übrigens der Beginn von insgesamt mindestens 150 Büchern und unzähligen weiteren Veröffentlichungen in Zeitschriften und Magazinen. Das läuft bei ihm wie am Fließband. 

Und wenn ihm bestimmte Aspekte fehlen, dann erfindet er sie dazu. Da ist das Pädagogische wichtiger als das Historische. Das Gefühlsmäßige wichtiger als das Rationale.

Was ist mit der Sindelfinger Sage von der Glocke im Hinterlinger See?

Gute Frage. Du meinst, weil das Gasthaus der Familie Schönhuth "Goldene Glocke" hieß?


08 Dezember 2023



Realschüler kümmern sich um den "ersten Sindelfinger Demokraten"

Es war ein Experiment: Können Sindelfinger Realschüler mit einem vor 175 Jahren gestorbenen, längst vergessenen Sindelfinger Literaten etwas anfangen? Wird ihnen deutlich, warum dieser August Schäfer für seine demokratischen Ansichten verfolgt wurde und warum er nach Straßburg fliehen musste? Welche schwierigen Zeiten sind dies in Württemberg gewesen? Eine Abendveranstaltung mit Schülerinnen und Schülern  der Sindelfinger Realschule Eschenried sollte diese Fragen beantworten.

Der Film zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem fiktiven Interview mit dem Mannheimer Verleger Hoff, bei dem August Schäfer einige seiner Werke verlegt hatte. (Hoff wird von Volker Kittelberger gespielt. Filmproduktion: Hans Knauß. Weitere Filme bei "Kultur am Stift".)

Die Sindelfinger Initiative "Kultur am Stift" hatte im November 2012 diesen zu Unrecht vergessenen Webersohn einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Sie konnte damals aus Zeitgründen nicht alle fünf kleinen Filme, die fiktive Interviews mit Zeitgenossen Schäfers zeigen, vorführen. Bei der Überlegung, dies nachzuholen, entstand die Idee, Sindelfinger Schülerinnen und Schüler mit ins Boot zu holen. Bei der Schulleitung und bei Kollegen der Realschule Eschenried stieß man auf offene Ohren und die Bereitschaft, dieses Experiment zu wagen. Denn dass die Erarbeitung des komplexen historischen und kulturhistorischen Hintergrunds nicht einfach sein würde, war den Beteiligten bewusst.


So ist einem heutigen Jugendlichen natürlich nicht klar, warum die Forderung nach einer deutschen Republik im damaligen Königreich Württemberg auf heftige und harte Reaktionen, bis hin zur Gefängnisstrafe, führte. Die dabei ins Feld geführte Formel "König von Gottes Gnaden" erscheint uns heute fremd, galt aber bis ins 20. Jahrhundert. August Schäfer hat schon als junger Mann Bestrafungen in Kauf genommen, um mitzuhelfen, ein demokratisches Deutschland zu schaffen. Er ist dafür "der erste Sindelfinger Demokrat" genannt worden. Für sein Engagement geriet auch er ins Visier der Spitzel des erzkonservativen Habsburger Staatskanzlers Metternich, der die damalige Zeit prägte. Schäfer wurde mit Steckbrief gesucht!

 
So könnte sich am Beispiel eines Sindelfinger Literaten aktueller Geschichtsunterricht konkretisieren und personalisieren. Dazu sollen auch die kleinen Filme dienen, die in Sindelfingen gedreht wurden und die Schäfers Eltern, einen Jugendfreund, seinen Verleger, den bekannten literarischen Zeitgenossen Karl Gutzkow und einen württembergischen Zensurbeamten zu Wort kommen lassen. Die Schülerinnen und Schüler haben durch kurze Gesprächsrunden in die Thematik der jeweiligen Filme eingeführt und haben dann ihre Eindrücke und ihr neues Wissen diskutiert. 


07 Dezember 2023

 Sindelfinger Bilder 2

Ferkelmarkt in der Unteren Burggasse (50er Jahre)

bearbeitetes Bild; Original Familie Haubner

Zwischen den Häusern Untere Burggasse 5 und 6 - also zwischen den Werkstätten eines Wagners und eines Schmieds - fand bis in die 60er Jahre der Sindelfinger Ferkelmarkt statt. Und dann ist man zum Daimler zur Arbeit.

 Zitat:

"Wenn Sie die Art und Weise ändern, wie Sie Dinge betrachten,                                                        ändern sich die Dinge, die Sie betrachten."

Max Planck

06 Dezember 2023


 Sindelfinger Bilder 1

Planiestraße 10 und 12 (späteres Haus "Betten-Leonhardt")

mit Dank an die Familie Maurer

Das eindrucksvolle Foto zeigt das um 1910 mächtigste private Haus Sindelfingens, in der Planiestraße gelegen. Sein stolzer Erbauer, der Steinmetzmeister Peter Auer, verewigte deshalb den ganzen Straßenkomplex mit einem Relief als „Petersplatz“. Sein Enkel Wilhelm Heinrich Leonhardt eröffnete im Haus eine große Textilhandlung, ließ auch selbst Stoffe produzieren und war mit dem Einspänner und seinem noch heute vorhandenen Musterbuch bei Kunden unterwegs. 


28 November 2023

Unser Mentor für die Poetischen Orte:            Tonino Guerra

von Klaus Philippscheck 

Tonino Guerra war in Santarcangelo di Romagna unweit nördlich von Rimini aufgewachsen – in einem ländlichen Markt, der die bäuerliche Kultur wie im Vergrößerungsglas sichtbar machte. Zum Lehrer ausgebildet, kam Tonino Guerra in die Welt des Films, der damals berühmt wurde, weil er soziale Sachverhalte spiegelte, auch mit Dialekten. Dann ging er nach Rom und wurde Drehbuchautor berühmter Filmemacher wie Antonioni, Fellini, Rosi, Taviani, Tarkowski. 

(Porträtfoto: Wikipedia)

Aber es zog den Dichter Guerra in seine Heimat zurück. Er beschrieb in Geschichten, Gedichten und Poemen den Untergang der bäuerlichen Kultur im Marecchia-Tal : als menschliche Tragödie - und zugleich machte er sichtbar, was an Schätzen in Natur und Kultur verloren ging – als Werte der Menschheit. 

Hoch über dem Fluß steht die kleine Stadt Pennabilli. Der dortige Barbier Gianni Giannini, ein außerordentlich gebildeter Mann, lockte den Dichter, indem er ihm ein altes Haus in einer landschaftlich phantastischen Lage anbot und es herrichtete.

 Und hier beginnt nun der zweite, konkrete Teil der Poetik: das Projekt der Poetischen Orte. Guerra und Giannini ließen sich von der Stadt ein Grundstück schenken und gestalteten darauf einen Garten: den „Orto dei frutti dimenticati“- den "Garten der vergessenen Früchte". Sie pflanzten Bäume mit Früchten, die es auf den Märkten nicht mehr gab, weil immer mehr Obst standardisiert geworden war  – hier aber konnte man die Äpfel und Birnen der Urgroßeltern und vieler Jahrhunderte sehen und schmecken.  Mit seinen magischen Texten und Skulpturen wurde der Garten zu einer kulturellen Herausforderung. 

im "Garten der vergessenen Früchte" (Foto: phil)

Es folgten weitere  anrührenden Orte, wo Phantasie mit einer Fülle von künstlerischen Einfällen überrascht und faszinierte Menschen anzieht. In der Region begann man zu merken, dass im Tal „die Wurzeln der Natur und der Menschheit“ lagen. Die Zahl der „Poetischen Orte“ wuchs und es folgten weitere  anrührenden Orte, wo heute Phantasie mit einer Fülle von künstlerischen Einfällen überrascht und ihre Faszination Menschen anzieht. In der Region begann man zu merken, dass im Tal „die Wurzeln der Natur und der Menschheit“ lagen. Mit der Kraft der dichterischen Sprache des berühmten Filmautors wurde dies wahrnehmbar. Es kamen Journalisten und schrieben darüber. 

der "Winkel der verlorenen Madonnen" (Foto: phil)
Horst Weber und ich besuchten Pennabilli 2004 und waren tief beeindruckt. Tonino Guerras Hinweis, dass diese Idee "wie ein Schiff reisen und überall anlegen" könne, um den "Genius loci", den typischen Charakter eines Orts zu fassen, leuchtete uns ein und wir begannen darüber in Sindelfingen zu berichten und für Sindelfinger Poetische Orte zu werben; für ein Gefühl für die Faszination des Einfachen, des Magischen, für die Verwobenheit von uns Menschen mit Traditionen, Erinnerungen und mit der Natur und ihren Kreaturen.

Tonino Guerra ist 2012 in seiner romagnolischen Heimatstadt  Santarcangelo verstorben.
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typische Zeichnung von Tonino Guerra









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