13 September 2015

Moritaten am Armesünderfriedhof

vorgetragen am 11. September 2015 bei der Wiedereinweihung des Kunstwerks von Fritz Mühlenbeck - nach seiner Beschädigung im Mai 2015 

  
Moritat 1

Lasst uns für´s alte Sindelfingen,
das ihr dort drüben liegen seht,
die Kund´ vom Totenacker bringen,
wo leiser Wind am See verweht.

Ach Welt, wo bleibt denn dein Erbarmen
Wenn tief im Elend, ohne Mut,
auch noch das Unglück trifft den Armen,
der hilflos nun - das Falsche tut.

Ein Kaleidoskop von Bildern voller Fragen,
für uns, die wir hier voller Hoffnung stehn,
und heute nochmals mutig wagen,
sich vor der Unvernunft nicht wegzudrehn.

Unruhig spür´n wir hier ein weit´res Mal
die Härte einer scheinbar fernen Zeit,
erkennen sie als kräftig mahnendes Fanal
und bleiben doch in Menschlichkeit bereit.

                                                                                     
Moritat 2
                                                          
Nun stehn wir da, im Angesicht der frühen Nacht,
unruhig fühlend das Schwinden unsrer Sicherheit.
Das Bild der Welt, die sich der Mensch gemacht,
bestürzt uns sehr in seiner Gegensätzlichkeit.

Ach, im rasend schnellen Wandel unsrer Welt,
im kreischend Scherbensplitter aller Sicherheiten
steht fest die alte Frag´, was uns im Innersten zusammenhält;
welch´ Lebensform uns führt in friedlich Zukunftszeiten.

Das Ziel der Worte war´s, darüber nachzudenken.
Zur Mahnung und Erinn´rung steht nun ab diesen Tagen
wieder hier das Stück aus lichtem Glas, der armen Seelen Angedenken
am Ort, wo wir uns selbst zu unserer Moral befragen.

Das Glas, Symbol all unserer Zerbrechlichkeit im Leben,
gewinnt die Kraft durchs Farbenspiel im reinen Licht,                                                     es mag zersplittern unter unverständig schweren Schlägen,
aber vernichtet werden kann es nicht.

Zieht nun das Tuch herab von dieser gläsern Kunst,
denn dieser Welt gibt Kunst die Seele. Und im Gedenken
an all das Leiden löset sich jahrhundertalter Dunst -
und gibt uns Licht, die Welt und unser Tun zu überdenken.



Wiederaufbau des Kunstwerks im September 2015 (Foto: phil)



03 August 2015

Magische Formeln in der Altstadt

die magische Helix in der Abtgasse

Ein Poetischer Ort erinnert an die Zeiten, als in und an den alten Fachwerkhäusern magische Formeln und  Formen die vielen drohenden Unglücksfälle in dieser engen Welt beschwören sollten: Feuer, Krankheiten, Unfälle, Unwetter...

Sie sind fast ganz verschwunden: Sprüche, Formen und Figuren ins Holz der Fassaden geschnitzt. Und in den Häusern gab es Bücher oder handschriftliche Hefte mit unzähligen magischen Formeln für und gegen alle möglichen Probleme: Sogenannte "Grimoires", also Zauberbücher, wie z.B. "Das sechste und siebte Buch Mosis", das "Romanus-Büchlein", das "Christoph-Gebet". Oft mühselig abgeschrieben, um Geld zu sparen oder auch um damit schon Wirkung fürs Haus, die Menschen und die Tiere zu provozieren. Beispiele dafür sind auch in Sindelfingen gefunden worden. Darunter auch die uralte Sator-Arepo-Formel, die als vierfaches magisches Palindrom vor allem die Feuersgefahr bannen sollte (siehe Bild). Sie findet sich am Holzfundament, das an einen alten Hauspfosten erinnern soll. Und dieses wiederum findet der Besucher in der Abtgasse, im Teil der Sindelfinger Altstadt, der einst besonders verwinkelt gewesen ist.  

die alte Sator-Arepo-Formel auf dem Sockel
Uns interessierte aber auch die dahinter stehende Weltsicht der Menschen; mit ihrer festen Überzeugung, dass sich hinter unserer Alltagswelt eine andere Welt mit guten, aber auch vielen bösen Mächten befindet, die durch die erwähnten magischen Praktiken beeinflusst werden können - sie müssen nur sehr genau befolgt werden. Genau diese Welt sollte das Kunstwerk der Holzbildhauerin Heike Endemann widerspiegeln - eine Aufgabe, die die Künstlerin mit ihrer helixartigen, drehbaren Stele großartig umgesetzt hat. 

Aber die Thematik führt weiter in unsere heutige Zeit hinein...


.

Bei der Aufstellung des Kunstwerks: die Künstlerin Heike Endemann und die hilfreiche Firma Walker.

Denn beim Nachdenken über die an die Form der menschlichen DNA erinnernden Helix kommt eine ganz moderne Erkenntnis ins Spiel: Die Tatsache, dass auch die heutigen wissenschaftlichen Formeln und Formen einen klaren magischen Charakter haben. Denn in ihrer mathematischen Form und Abstraktion stellen sie auch nur Symbole dar, die die Struktur unserer Welt nur scheinbar präzise wiedergeben. Denn die ist nicht erkannt und wird vielleicht auch nie erkannt werden. So ist die nobelpreisgewürdigte Helix nicht die Lösung des Geheim-nisses des Lebens, sondern sie ist das Geheimnis des Lebens.


Schlussbild der am Projekt Beteiligten vor dem Kunstwerk (Fotos: Kultur am Stift)

Deshalb wandeln sich die auf der Stele angebrachten Zauberformeln beim Höherschrauben von den archaischen Beispielen Schritt um Schritt hin zu modernen wissen-schaftlichen Formeln - oder gar zum an der Börse genutzten Algorithmus, den wir auch als Beschwörungsformel verstehen.

(Kultur am Stift bedankt sich bei allen Unterstützern dieses Projekts, insbesondere auch für eine Spende von der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg - LBBW.)


25 November 2014

Ein Brief aus Magdeburg


Am Volkstrauertag 2014, den 16.11., stellte "Kultur am Stift" die szenische Collage "Zwei Sindelfinger Architekten und der Erste Weltkrieg" vor. Dabei sollte gezeigt werden, wie die Radikalisierung durch den Krieg die Menschen feindselig gemacht und auseinandergebracht hat. Dies wurde eindrucks-voll am Beispiel der Sindelfinger Architekten Georg Bürkle und Carl Krayl aufgezeigt. 

Zu Beginn der Veranstaltung wurde eine Grußadresse aus Magdeburg verlesen. Der Sohn des Carl Krayl, Bruno Krayl, hatte dabei auch einen Auszug aus den
Carl Krayl
„Bemerkungen - niedergeschrieben am Rande meines sichtbaren Lebensbuches“ seines Vaters mitgeschickt. Wir dokumentieren hier ein Stück dieser sehr bewegenden Zeilen aus den 20er Jahren:

„Da waren die Jahre vor dem Krieg, Zeit der Sorglosigkeit und des Werdens. Glück im Herzen, im Elternhaus, Glück und Zufriedenheit des Kindseins. Geborgensein des noch Unbewussten. Und doch gelegentlich schattenhafte Ahnungen von anderen Dingen und den anderen Seiten des Lebens. Viel Begeisterung und guten Fortschritt im Beruf. Voller Blick auf ein weites Feld der Ideale. Höhere Aussichten und Ahnungen nach höheren Dingen.“

Er hielt dann aber weiter fest:

"Da kam meine Lebensjahr 24 und mit ihm der große Krieg und der scharfe Abriß zwischen allen bisherigen Werten. Eine Tür schloß sich. Erkenntnisse anderer Anschauungen und die Besinnung. Die Besinnung auf Gott und Christ. Die schützende Hülle wurde von den Dingen der Welt weggenommen und diese wurde nackt und kalt. Krieg ist nicht von Gott, ist gegen ihn, ist fürchterliche Menschengewalt. Du sollst nicht töten. Fürchterliche Welt der Kriegsgewinnler. Geld aus Blut und Menschenleibern. Ablehnung - Ablehnung! Kann Kriegsbegeisterung nicht teilen - Blicke in Abgründe."

Magdeburger Architektur von Carl Krayl

31 August 2014

Sindelfinger Kabinettscheiben

Im Sindelfinger Stadtmuseum findet sich eine kleine, aber außergewöhnliche Besonderheit, auf die unsere Gruppe Kultur am Stift aufmerksam machen will: Es sind die Reste von einem bemalten Fenster des Ratssaals im ehemaligen Alten Rathaus in der Altstadt. 

Der Vogt, der Schreiber und drei Räte - im Stadtmuseum zu sehen 
(Abbildungen mit Dank an das Stadtmuseum)
Diese Restscheiben zeugen von den politischen Strukturen im Herzogtum Württemberg des Jahres 1660, weil die schön bemalten Gläser fast die gesamte bürgerliche Führungsschicht Sindelfingens zeigen - mit Namen, Funktion und Beruf. Unserer Meinung nach ist dies ganz selten, dass solche Scheiben erhalten sind. Schließlich haben sich im 19. Jahrhundert die Strukturen Schritt um Schritt verändert - und Vogt, Rat und Gericht gab es dann nicht mehr. Wieso sollte man sich noch um diese "veralteten" Scheiben, die zu zerbrechen begannen,  kümmern?

Deshalb wurden die im Alten Rathaus noch erhaltenen Scheiben ans Stuttgarter Königshaus verkauft, das - für die Sindelfinger wohl unverständlich - solche "altdeutschen" Stücke sammelte. Die schönen kleinen Sindelfinger Scheiben wurden mit anderen zusammengekauften "Kabinettscheiben" in die Fenster des Jagdschlosses im Klosterkomplex Bebenhausen eingebaut. Diese Originale kann der Besucher noch heute im sogenannten "Blauen Salon" sehen.

Also sind die Scheiben im Sindelfinger Stadtmuseum Kopien, eigens 1978 hergestellt, um an eine vergessene Vergangenheit zu erinnern. Was erzählen sie nun?

Der Vogt, dieser weitaus wichtigste Mann im damaligen Sindelfingen, ist im Bild und mit seinem Wappen zu sehen: Es ist Martin Alluny, der aus Siebenbürgen, damals also Ungarn, stammte. Neben ihm die zweitwichtigste und hoch gebildete Person: der Stadtschreiber. Das war 1661 der gerade ins Amt gekommene David Löhr, der Nachfolger seines Vaters war. Als Bürgermeister tauchen der Wundarzt Eisenlohr, der Schmied Michael Betz, der Zeugmacher Georg Seibold und mit einem Schaf im Wappen der Müller und "Salzmeister" Zacharias Schäfer auf.

die drei wichtigsten Sindelfinger Amtspersonen: der Vogt, der Stadtschreiber, der Bürgermeister

Man erkennt an den erhaltenen Scheiben, dass neben diesen Personen auch der gesamte Rat und das sogenannte "Gericht" dargestellt worden waren. Ihr Ornat und ihre jeweiligen Amts- oder Berufsattribute in ihren Händen zeigen, dass die Stadt den Künstler mit der repräsentativen Darstellung einer offiziellen Amtsversamm- lung beauftragt hatte.

Bei der Betrachtung dieser Scheiben erkennen wir, dass auch zu der kleinen Ackerbürgerstadt Sindelfingen bis ins 18. Jahrhundert die repräsentative Ausschmückung von Gebäuden - amtlichen oder privaten - gehört hat. Man hatte nicht nur Spaß am farbigen Aus- druck, sondern wollte auch mit bewussten Hinweisen durch Symbole und Allegorien auf die Bedeutung politischer und kultureller Strukturen hinweisen.



Die Schaffhauser Scheibe mit
einer pädagogischen Erzählung 
aus dem Altertum im Zentrum
Wir ergänzen dieses Thema mit dem Hinweis darauf, dass die Schweizer Partnerstadt Sindelfingens, das immer schon reiche Schaffhausen, für ihre Glasmalerdynastien berühmt war. Deswegen soll hier auch eine Abbildung einen Teil des Schweizer Gegenstücks zu den Sindelfinger Scheiben zeigen. Es ist im "Stadtmuseum zu Allerheiligen" zu besichtigen - und man erkennt dabei natürlich schnell die höhere Qualitätsstufe.

Dies nimmt uns aber nicht die Freude an unseren Sindelfinger Scheiben.



der fleißige Stadtschreiber Löhr


08 August 2014



Das Skriptorium: Neueinrichtung im Jahr 2014

der neue Raum im Chorherrenhaus
Die Neu-Einrichtung des Skriptoriums im Chorherrenhaus in der Stiftstraße, das im 15. Jahrhundert, noch zu Zeiten des weltlichen Chorherrenstifts, errichtet wurde, hat diese mittelalterliche Schreibstube an einen stimmigen Platz gebracht. Alle Besucher sind beeindruckt von der Atmosphäre dieses Ortes - nicht nur die Kinder beim Skriptoriums-Projekt. Die gestiegene Bedeutung dieser Einrichtung spiegelt sich auch in der Tatsache wieder, dass die Stadt Sindelfingen sie als Dépendance des Stadtmuseums übernommen hat.
Eberhard und Mechthild: Sohn und Mutter


die Chorherren in einem Fenster der Tübinger Stiftskirche und des Sindelfinger Skriptoriums
Schon viele Gruppen haben diesen nunmehr fest eingerichteten Raum besucht und tauchten dabei nicht nur in eine schöne Bilderwelt ein, sondern auch  in die religiöse, theologische und philosophische Welt des einflussreichen Sankt-Martin-Stifts. Auch die Tatsache, dass das Stift immer stärker in den Griff des württembergischen Grafenhauses geriet, ist bildlich thematisiert - durch die Glasbilder, die den Fenstermalereien in der Tübinger Stiftskirche nachempfunden sind. So gerät hier auch die "Landespolitik" des württembergischen Grafenhauses ins Blickfeld.

So wird das Skriptorium - neben seiner Hauptfunktion als Ort eines mittlerweile 12-jährigen Grundschul-Projekts - allmählich auch zu einer eindrucksvollen und einzigartigen Ergänzung des Erlebnisses "Martinskirche und ihr Stiftsquartier". 

07 August 2014

Ein Poetischer Ort am "Armesünderfriedhof"

einst ein verrufener Ort - heute städtische Grünanlage...

Am Freitag, dem 23. Mai 2014 wurde ein weiterer Poetischer Ort in Sindelfingen eingeweiht: am einstigen, so genannten "Armesünderfriedhof", am Klostersee gelegen.


Karte des 17. Jahrhunderts
An diesem heute idyllischen Ort weisen uns alte Mauern auf eine weit vergangene Zeit hin: Hier lag bis zur Reformation eine kleine Marienkapelle. Nach ihrem Abriss wandelte sich der Ort: Nun wurden die Mörder, die Selbstmörder, die Ungetauften zwischen den alten Mauern verscharrt - in ungeweihter Erde, also der ewigen Verdammnis überlassen. Immer wieder lässt uns die Grausamkeit dieser Zeit, auch Kindern gegenüber, erschauern; und lässt uns sinnieren über das Weltbild vergangener Zeiten, lässt uns nachdenklich werden über unsere Welt heute. Und wir setzen uns still auf die dortige Bank.

die leuchtenden Glasstelen







Diesen Anstoß, über Toleranz und Gerechtigkeit nachzusinnen und eine Hoffnung auf Menschlichkeit zu erahnen, will das gläserne Kunstwerk des Künstlers Fritz Mühlenbeck geben - das auch in die Nacht hineinleuchtet. Der Künstler sagt
dazu: "
Zwei Flügelpaare kommen aus der Erde, die symbolhafte Befreiung der „auf ewig verdammten“ Seelen, die sich aufschwingen und die Erde verlassen. Die Flügel lösen sich in Federn und Daunen auf, und die Seelen entschweben in die Unendlichkeit."


 Und wir fragen noch am Schluss: Wer wagte es einst, sich im Dunkeln, an der uralten Klostermauer entlang zum sumpfigen See zu schleichen, um dem toten Kind, das ungetauft vergraben worden war, eine Blume zu bringen? Und damit  - gegen die offiziellen, harten Positionen der Kirche gerichtet - die Unschuld dieses Kindes zu beschwören...

Ein einfacher, aber außergewöhnlicher Grenzstein

Wie schon einmal erwähnt: Unsere Initiative Kultur am Stift kümmert sich seit langem um die historischen Grenzsteine Sindelfingens und der Umgebung. Nach Anregung von uns und in bester Zusammenarbeit mit dem Vermessungsamt und dem Sindelfinger "Stadtgrün" wurde nun im Juli 2014 ein außergewöhnlicher Grenzstein im Propsteigarten aufgestellt. Auf der kleinen beigefügten Informationstafel heißt es:

"Dieser Grenzstein stand einst innerhalb der Sindelfinger Markung. Denn er grenzte mit anderen Steinen eine Wiese ab, die nicht weit entfernt an der Wurmbergstraße 31 lag. Das Nutzungsrecht für diese Wiese gehörte vor langer Zeit dem Propst des Sindelfinger Stifts. Nach der Reformation aber durfte der Verwalter des Stifts, das dem Herzogtum und später dem Königreich Württemberg gehörte, diese "Besoldungswiese" für sich nutzen; der Stein trägt deshalb die württembergische Hirschstange. Ein solcher spezieller Grenzstein erzählt also von alten Zeiten und ist sehr selten. Nun hat er seinen Platz hier im Garten, an dem sich einstmals die Pröpste und die Stiftsverwalter erfreuten."


Und hier links sind zwei der Sindelfinger Forscher zu sehen. In nachdenklicher Betrachtung des in tiefer Waldklinge gelegenen Steins Nr. 100 versunken - so versunken, wie es dem gestürzten Stein am Sommerhofenbach drohte. Aber er wurde schließlich doch gerettet... 

Seit im Sommerhofental, dort wo es an den "Winterhalde" genannten Wald grenzt, ein beschilderter Informationsweg zum Thema "Sindelfinger Grenzsteine" eingerichtet worden ist, erkennen wir hier in Sindelfingen
einen besonders engagierten Umgang mit diesen wichtigen Kleindenkmalen, die so viel über unsere Vergangenheit erzählen können. Wenn man sie lässt...
ein mächtiger Stein - in einsamster Lage

09 März 2011

Tausend Jahre Sindelfinger Geschichte

Uli Mülbe in der Rolle des berühmten Chorherrn

Wir waren zufrieden: Weit über 200 Besucher fanden am 25. Februar 2011 den Weg in den Stiftshof, um unsere historischen Szenen zu erleben. Wie immer, war unser Anspruch nicht gering:
Denn die kleinen Szenen sollten nicht nur über ein historisches Geschehen informieren, sondern auch versuchen, den kultur- und geistesgeschichtlichen Hintergrund anzureißen. Also hier die Frage zu stellen: "Warum stiftet Adalbert einen Kirchenneubau und ein Kloster? Welche existenziellen Ängste wühlen einen solchen Herren über Leben und Tod auf?"

Einen roten Faden gab es bei den Szenen: Wir wollten zeigen, dass viele historische Ereignisse nicht einfach nur geschehen, sondern durch einen für ihre Zeit typischen theologischen oder philosophischen Hintergrund geprägt werden. Beispielsweise: Warum entwickelt sich mit der Gotik ein Baustil, der so völlig anders wirkt als sein Vorgänger Romanik? Ist der Wunsch nach mehr Licht in der Kirche auch ein Wunsch nach mehr Licht der Erkenntnis? Lassen wir hier zwei Chorherren sprechen:                    

A: Siehst Du, da ist wieder unser Unterschied! Beim gotischen Stil geht der Weg endlich nach oben - ins Licht der Erkenntnis! Gut, Du hast Recht. Auch wir im Martinsstift hier haben die strengen Regeln der frühen Chorherrenstifte gelockert. Ja. Aber dadurch sind wir doch in Kontakt gekommen mit all den wunderbaren geistigen Entwicklungen des Abendlandes. Ach, hätten wir doch auch eine Sorbonne!


Intensive Diskussion zweier Chorherren
B: Ach, Bruder. Das, was Du beschreibst, das ist ja gerade unser Problem. Das ist der Umbruch, die Abkehr des Menschen vom festgefügten Glauben. Wir spüren dies hier auch in unserem Stift. Wir müssen wieder zurück! Und genau deshalb muss unsere schöne alte Kirche so bleiben wie sie ist. Aber: Wir einigen uns hier nicht!

A: Nun, man wird sehen, ob in der Martinskirche nicht eines Tages statt des in düsterem Gold drohenden Chors ein feingliederiger, farbensprühender von der neuen Zeit sprechen wird.

B: Oh, mein Gott!



Auch die Szene zur Reformation in Sindelfingen oder das Tagebuch des durch den Dreißigjährigen Krieg aufgewühlten und verstörten Stadtschreibers wollten auf die Bedeutung hinweisen, die die jeweiligen Weltsichten auf die Abläufe der Geschehnisse ge-habt haben. Sogar eine so scheinbar unbedeutende Tatsache wie die Aufnahme eines Mädchens in die Realschule hing natürlich von der "Philosophie" der Beteiligten ab. Und dass der Schulrektor den eigenwilligen Warmbronner Bauerndichter Christian Wagner kannte und besuchte, gibt einen Hinweis auf seine Haltung.


Unser kleines philosophisches Schlussgespräch sollte aufzeigen, dass diese Diskussion natürlich auch heute noch aktuell ist; dass sie aber leider durch die auch bei Naturwissenschaftlern vorherr-schende materialistisch geprägte Weltsicht in den Hintergrund gedrängt wird. Dabei finden wir mit einer ganzen Reihe von heutigen Quantenphysikern durchaus nachdenkliche und kritische Wissen-schaftler, die sich Sorgen um den Zustand unserer Welt machen...



Die zwei letzten Mönche in Sindelfingen vor ihrer Vertreibung

Realschulrektor Kälber und seine wissbegierigen Schulkinder
eine Stadtführerin fragt den verblüfften Schultheiß aus

28 Mai 2010

MAUERGESCHCHTE(N)

am Chor der Martinskirche
Großes Interesse fand der historische Spaziergang an der uralten Klostermauer um den Klostergarten herum. Zum 16. Mai 2010 hatte "Kultur am Stift" eingeladen, die in großen Teilen noch stehende Mauer des ehe-maligen Klostergartens zu umrunden und dabei Blicke in die Vergangenheit Sindelfingens zu werfen. Los ging es an der Apsis der Martinskirche - unter der Führung von Brigitta Hahn, Ursula Kehrer und Margot Uhel.

In einigen kleinen, historischen Szenen diskutierten dann Chorherren voller Ärger die bevorstehende Gründung der Stadt Sindelfingen; zeigte sich ein Augustiner-Prior arrogant gegenüber einem Bauern; sprach der herzogliche Schultheiß Hagdorn die komplizierten Besitzverhältnisse nach der Reformation an und deutete die Pfarrersfrau Else in ihrem Fenster in der Mauer die Spuren der Geschichte im Mauerwerk. (Siehe folgendes Bild.)
die Pfarrfrau Else (für einen kleinen Film unten klicken)

Und immer wurden dabei nicht nur die historische Einzelheiten angesprochen; sondern die hinter den Ereignissen stehenden kulturhistorischen und sozialen Dimensionen sollten deutlich gemacht werden. Dies ist der immerwährende Anspruch der Initiative "Kultur am Stift"...

Fast 100 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer waren fasziniert davon, dass eine bescheidene Mauer ein solch buntes Geschichtskaleidoskop aufscheinen lassen konnte. So werden sie diese Steine in Zukunft mit anderen Augen anschauen, durch die Steine hindurch Gestalten unserer Vergangenheit huschen sehen. Wieder einmal ergänzten sich so der bunte Handwerkermarkt und die lebendigen Szenen von Kultur am Stift. 

(Mit Dank an die jeweiligen Fotografen; und ans Stadtarchiv Sindelfingen für das obige alte Foto der Klostermauer.)

15 Februar 2010

Zu Unrecht vergessen: 
Christoph Friedrich Grieb

Im November 2009 hat Kultur am Stift ein neues Kapitel seiner Themen aufgeschlagen: "Vergessene Sindelfinger" nennt sich die Veranstaltungsreihe, die mit einem Kosmopoliten begann, der wieder aus dem Dunkel der Geschichte gehoben wurde.
Griebs Geburtshaus in der
Ziegelstraße 

Christoph Friedrich Grieb hieß der aus einfachen Verhältnissen stammende Sindelfinger, der sich in einer beeindruckenden Art und Weise zu einer allseitig interessierten und gebildeten Persönlichkeit entwickelte. (Rechts sein heute noch stehendes Geburtshaus in der Ziegelstraße.)Kein Thema gab es, das ihn nicht begeistert hätte - aber immer sah Grieb die Nutzung dieses Wissens im Zusammenhang mit der Gerechtigkeitsfrage:

Die rasende Veränderungen der Lebenswelt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts drohten zu sozialen Katastrophen zu werden - das sah er früh. Im Paris der 30er Jahre - im Schmelztiegel neuer, auch utopischer Ideen; zwischen Tausenden von politischen Flüchtlingen - begeisterte sich Grieb für die Ideen des Frühsozialisten Charles Fourier. Er wurde nach New York geschickt, um auch dort für die utopischen, genossenschaftlichen Lebens- und Arbeitsformen des berühmten Franzosen zu werben - zum Beispiel im noch unerschlossenen Texas.
Modell von Fouriers utopischer Siedlung "Phalanstères"
(aus August Bebels Buch über Fourier)

In London erarbeitete er ein neues deutsch-englisches Wörterbuch, da ihm klar war, dass Englisch die Sprache der Zukunft sein würde. Besonderen Wert legte er dabei auf den
naturwissenschaftlichen Teil. Alle technischen Entwicklungen beobachtete er genau, übersetzte große französische Journale der Wissenschaften ins Deutsche.

Die 1848er Revolution sah in wieder in der Heimat, in Stuttgart. Hier engagierte er sich vehement für genossenschaftliche Sozialstrukturen; warb auch in seiner Heimatstadt für seine Landtagskandidatur. Immer war Grieb aber dabei geprägt von einem tiefen christlichen Gerechtigkeitssinn: "Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!"

Griebs Schrift gegen die Sklaverei

Als Journalist, Sprachlehrer und fleißiger Übersetzer verdiente er sein Geld. Seine Übersetzungen berühmter englischer und französischer Autoren fanden viele Leser. Mit Dickens, Bronte, Thackeray, Dumas u.a. waren es Schriftsteller, die einen kritischen Blick auf die Entwicklung der europäischen Gesellschaft warfen. Typisch für ihn: Seine Übersetzung der Lebensgeschichte eines entflohenen Negersklaven, mit der er heftig gegen die nordamerikanische Sklaverei protestierte.

Christoph Friedrich Grieb starb, gerade 50 Jahre alt geworden, 1861 in Stuttgart. Interessant ist auch die Zusammenarbeit mit dem Sindelfinger Stiftsgymnasium, das sich auch dieser Persönlichkeit widmen wird. Die Initiative Kultur am Stift steht mit seinem letzten direkten Nachkommen, dem hochbetagten Engländer Kenneth Grieb, in engem Kontakt.
unser englischer Freund: Kenneth Grieb


13 März 2009

Veit Hellers Umgangsbücher

Veit Hellers Bücher in der Ausstellung
aus dem Archiv: das "Umgangsbuch" von 1717



Bei der Arbeit im Sindelfinger Archiv zum Thema "Grenzsteine" ist uns das Umgangsbuch von 1717 in die Hände gekommen. In den Umgangsbüchern wurden früher Protokolle über die sogenannten "Renovationen" festgehalten. Diese "Erneuerungen" bezogen sich auf die Kontrolle der Markungsgrenze: Sind noch alle Grenzsteine vorhanden? Gibt es Konflikte? Muss die Grenze einer neuen Situation angepasst werden? Müssen neue Steine gesetzt werden?

Der Sindelfinger Künstler Veit Heller hatte für unsere Ausstellung 2007 seine eigenen "Umgangsbücher" geschaffen. In Assoziation zum Material und der Farbigkeit der Steine hat er seine ganz eigenen künstlerischen Protokolle zu kleinen Büchern zusammengefasst.

So wurde die Poesie der in ihrer Wald- und Feldeinsamkeit fast vergessenen Grenzsteine neben die abstrakten, poetischen Arbeiten des Künstlers gestellt, der sich von den Steinen inspirieren ließ.

12 März 2009

Ausstellung 2007

Die Poesie der vergessenen Grenzsteine
in der Ausstellung


in der Ausstellung: originale historische Grenzsteine

ein schöner Stein von 1601 direkt am Katzenbach

Ein nachträglicher Bericht: Im Jahr 2007 erregte die Ausstellung von Kultur am Stift "Einsamkeit und Poesie der vergessenen Grenzsteine" großes Aufsehen. Uralte Grenzsteine in verlassenen Waldklingen erzählen von vergangenen Zeiten: Als der Wald noch so wichtig war, dass die Ortsgrenzen durch den Wald mit großem Aufwand gesichert wurden, um Waldnutzungen durch andere zu verhindern; als Klosterbesitz und Besitz von Rittergütern Land und Leben unserer Gegend prägten; als manche Grenzen noch gar nicht endgültig fixiert waren.

Über 200 Grenzsteine wurden in ihrer Lage um Sindelfingen herum dokumentiert; ergänzende Informationen zum "Herrschaftswald", zur "Landesvermessung", zu den geheimnisvollen "Zeugen"; zu Grenzveränderungen usw. wurden erarbeitet. Wir wollten deutlich machen, warum die Grenzsteine heutzutage als Kleindenkmale geschützt sind.

Sindelfinger Schüler kümmern sich mit unserer Hilfe weiter um dieses Thema. Auch die Stadt Sindelfingen unterstützt dankenswerterweise solche Aktivitäten vorbildlich.

Herr Schleh, ein Grenzstein und Kinder der Grundschule Sommerhofen

10 März 2009

Viele Besucher im Klosterladen


November 2009: Ins Atelierhaus, der Martinskirche gegenüber, strömen viele Besucher, um sich im Klosterladen umzusehen und Produkte einzukaufen, die eigens für diesen Abend hergestellt worden sind: Maulbeermarmelade, gekocht aus den Maulbeeren des Baums, der im Stiftsgelände steht; Klosterliköre; Radierungen; Fensterbilder; Lavendelsäckchen; zum Kirchenjubiläum gegossene Glocken...

Zwei historische Szenen aus der Geschichte des Chorherrnstifts ergänzten den starken Eindruck, den der Laden im ausgemalten Skriptorium machte. Erlebte Geschichte, die an die fast vergessene Bedeutung des einstigen Stifts erinnerte; die intensive Bilder - für Erwachsene wie für Kinder - bieten sollte, um einen Bezug zu diesem Ort wiederzugewinnen...

Die Bauhütte an der Martinskirche im Jahre 1270

bestaunt: Kinder bearbeiten Grenzsteine
Steinmetz Peter Volz


Im Jahr 2008, dem Jubiläumsjahr der Martinskirche, wurde das 925-jährige Bestehen dieser uralten, romanischen Kirche gefeiert. Kultur am Stift organisierte im Juni eine Bauhütte, die an den Bau der Sakristei im Jahre 1270 erinnern sollte. Alte Handwerke, die an einer solchen Bauhütte beteiligt waren, stellten sich einen Tag lang vor. Große Aufmerksamkeit hat natürlich der Sindelfinger Steinmetz Peter Volz erregt, der an einem Steinstück arbeitete, das tatsächlich in die östliche Chorwand eingesetzt werden kann. Eine historische Szene ließ zwei Chorherren heftig über das Projekt eines Neubaus der Sakristei diskutieren: Soll man das Geld für einen prächtigen, gotischen Neubau ausgeben - oder soll schwäbisch-sparsam die Sakristei der neuen Zeit nur vorsichtig angepasst werden?
Eine außergewöhnliche Aktion war auch der Guss eines kleinen Glockenmodells, das an diesen Tag, an dem auch Seiler, Keramiker und Zimmerleute zu bewundern waren, erinnern soll.
Kinder arbeiteten als Steinmetzen, die Grenzsteine bearbeiteten. Weil es um die Grenzen des historischen Stifts ging, arbeiteten die Kleinen in Mönchskutten - voller Begeisterung in dieser "verantwortungsvollen" Rolle.

20 November 2007

Am Chorherrenhaus


Ein Hauch Mittelalter: Die kleinen Nonnen und Mönche durchqueren den Hof des Chorherren-hauses, um zum Skriptorium zu gelangen. Der Betrachter ahnt, dass dies das Gelände für einen weiteren Poetischen Ort werden kann. Wir hoffen, dass es im Jahr 2009 so weit sein könnte...

28 Mai 2006

Endlich: der erste Poetische Ort!



Endlich ist der erste Poetische Ort eingeweiht worden! Am 20. Mai 2006 - einem kühlen Samstagabend - wurde Klaus Kuglers Bild, das er für die Nische in der Stadtmauer am Schaffhauser Platz entwickelt hatte, der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Text von Jutta Rebmann für die Kreiszeitung Böblingen berichtet eindrucksvoll über diesen Abend und soll hier (etwas gekürzt und mit Dank an die Zeitung) wiedergegeben werden:

"Mein herzliebstes Städtele, bischt e args Hettele

Sindelfingen - Noch ließ sich im langsam verdämmernden Tageslicht die efeubewachsene Stadtmauer am Schaffhauser Platz in Umrissen erkennen, als klagende Flötentöne etwas Besonderes ankündigten: die Einweihung des ersten poetischen Ortes in Sindelfingen. Trotz nicht gerade einladenden Temperaturen und immer wieder einsetzendem Nieselregen war die Menge der Schaulustigen am Samstagabend ansehnlich. Horst Zecha, kommissarischer Leiter des Kulturamtes, dankte allen am Zustandekommen des lange gewünschten Ereignisses beteiligten Personen und Institutionen. So der Initiative "Kultur am Stift", Dr. Peter und Ursula Hein, den Initiatoren des Sindelfinger Handwerkermarktes, die eine Finanzierung des Projektes aus den Erträgen des Handwerkermarktes möglich gemacht hätten. Ideengeber sei Klaus Philippscheck. In seinen Dank schloss Zecha auch den Simmozheimer Künstler Klaus Kugler ein, der die Vorlage für das in einer Nische der Stadtmauer angebrachte Kunstwerk lieferte.

Mit der Initiative "Poetische Orte" solle nach und nach eine Wegverbindung historischer Orte geschaffen werden, die die Betrachter zum Nachdenken anregen will. Auch Vertreter der Initiative "Kultur am Stift" und Dr. Peter Hein wandten sich in Ansprachen an die Schaulustigen, die immer wieder ihre Regenschirme aufspannen mussten. Danach enthüllte Klaus Kugler das Bild, das hinter einem schmiedeeisernen Gitter künftig Gäste und Einwohner der Stadt zum Nachdenken anregen und neue Sichtweisen auf ihr Lebensumfeld aufzeigen will.

Sich hineinfinden in die Geschichte eines Ortes, dem Vergangenen nachspüren, seine spezifischen Eigenheiten entdecken und für sich selber umsetzen. Poesie verzaubert die Gegenwart und lässt ein Erfahrbarmachen der Vergangenheit zu. Im Anschluss an die Enthüllung begann ein durch Licht, Wort und Ton gestaltetes Schauspiel, in dem sich Allegorien und historische Ereignisse seltsam unwirklich miteinander verbanden." Thema war der Blick durch die Stadtmauer, hinüber zum Stift und dieser ganz anderen Welt - gleich außerhalb der eigentlichen Stadt: ein geheimnisvolles Bild, magisch, mythisch.
Blick hinüber zur Martinskirche





22 Januar 2006

August Schäfer


Wegen dieses Werks wurde der junge Sindelfinger August Schäfer verfolgt, mit Steckbrief gesucht und floh er nach Straßburg - wo er 1836 zu früh verstarb...
(Verlegt wurde das Werk im liberaleren Mannheim - Schiller lässt grüßen.)

03 Januar 2006

Ein Sindelfinger Ratsschreiber namens Löhr...


Im 17. Jahrhundert ist die Sindelfinger Obrigkeit auf flott und locker gemalten Fensterbildern des Rathauses festgehalten worden. Sindelfingen war eine eigene Oberamtsstadt geworden und entsprechend stolz war man. Schade, dass die ganze Serie der Fensterbilder im frühen 19. Jahrhundert an das Königreich Württemberg verkauft wurde. Heute zieren nur einige Kopien die Fenster des Stadtmuseums - aber immer noch sehr interessant!

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